20.08.07

Ver-bergen


Allein sein. Mich im Nebel verbergen.
Die Veränderung, die mich vernebelt, freut und verwirrt. Ich beschaue sie, nehme sie ernst und lache.

Langes Schweigen. Es gibt zwei Arten von Stille. Die eine macht Angst, zermalmt. In der anderen kann man sich auflösen.

(noch bis Ende Monat)

03.08.07

Pause


von Ozuma Kaname. Bilder einer Passion.



01.08.07

Hass ist übertrieben

Als ich vor der geschlossenen Bäckerei stand, realisierte ich, dass heute ja der erste August ist. Ein Feiertag, der mir schon immer Unbehagen bereitete. Eigentlich macht es nur Sinn, den Nationalfeiertag mit anderen Schweizern zusammen zu feiern und genau das jagt mir immer Angst und Schrecken ein. Hätte ich mir doch einen Fluchtplan ausgedacht. Die Feuerwerke und Knallkörper an allen Ecken nerven nur, wenn man nichts damit zu tun haben will.
Fluchtplan 1: Ich fahre mit dem nächsten Zug nach Finnland. Da wollte ich schon lange mal hin.
Fluchtplan 2 geht nicht, weil vermutlich die Kinos auch alle zu haben heute.
Fluchtplan 3: Ich mache auch zu und schaue die drei Pornos, die ich für harte Zeiten bereits gesammelt habe.
Fluchtplan 4: Ich gehe raus und schaue in den Himmel.
Vermutlich wäre das Betrachten der Feuerwerke die beste Flucht. Ich würde vor Staunen wie eine Rakete in den Himmel fliegen. Dort oben würde sich vielleicht mein Überdruss wie eine gigantische Sternenblume über dem Geschehen auflösen.

30.07.07

Fatale Ungeduld

Beim kleinsten Anflug von Besserung fordere ich meine Konstitution heraus, als wäre die Rekonvaleszenz ein Kampf. Ich schlage zu, boxe, trete wild um mich ohne mich an Regeln zu halten. Sieg, rufe ich, hurra ich bin gesund! Und noch während ich die Arme jubelnd in die Höhe strecke, völlig Blind vor Selbstsicherheit, kommt mit voller Wucht der Gegenschlag. Es haut mich um direkt ins Bett zurück. Reflexartig ziehe ich die Decke über die Ohren, verkrieche mich wieder und komme langsam zur Räson.

26.07.07

Warten und Tee trinken

Wenn ich gesund bin kaufe ich ein schnurgebundenes Telefon, mit einer Schnur bis an mein Bett. Und einen Staubsauger, der seinem Namen alle Ehre macht. Ich kaufe eine Schublade voll DVDs für harte Zeiten. Wenn ich gesund bin gehe ich jeden Tag in die Aare schwimmen und kreische vor Freude, wenn ich ins kalte Wasser springe. Ich gehe jeden Abend aus und verbringe die milden Sommernächte nur noch tanzend und lachend und küssend. Ich gehe nie mehr ins Bett. Ich habe das Liegen so satt.
Ausser zum Telefonieren vielleicht.

25.07.07

Geniestreiche

Zaubermeister, die Wortbrocken in Reagenzgläsern über die Bunsenbrenner halten bis sie überschäumen und explodieren.

...

Das machen übrigens Schafe auch. Sie transzendieren leicht. Sie sind von Natur aus mit Leichtgeistigkeit gesegnet und müssen sich nicht erst erkälten wie ich, um das Gehirn abzuschalten. Bei strömendem Regen harrt eine Schafherde aus mit gesenkten Köpfen und hängenden, tropfenden Ohren, halbgeschlossenen Augen und weggetretenen Blicken. Sie klinken sich einfach aus, verlassen ihren nassen, dampfenden Wollleib und begeben sich auf Reisen. Sie ziehen zweifelsohne über eine endlose sattgrüne Hochebene und strecken wiederkäuend und zufrieden die Köpfe in die wärmende Sonne.
Wenn der Regen nachlässt kehren sie zurück in ihr Schicksal, schütteln sich einmal kräftig durch und beissen seufzend ins nasse Gras.

...

Wenn ich krank bin schaltet mein Verstand ab. Ich liege und harre aus. Irgendwann erreiche ich so eine Leere, dass ich mühelos und leicht wie nie in andere Welten transzendiere. Ich lasse mich von der Imagination davontragen wie auf einem fliegenden Teppich und lande in fernen, ungeahnten Ebenen zwischen Traum, Erinnerung, Halluzination und Phantasie.
Ich liebe diese Vermischungen der Ebenen, diese rauschhaften Wahrnehmungen und die überraschenden Verwandlungen meines Körpers.

...

...

Geträumt, ich hätte einen Bikini aus goldener Muschelseide.

Bettnotizen

Geträumt: Über die Dunkelheit legt sich ein feiner, goldener Staub.

***
Dieser Ton in meinem Ohr: Es muss höher als ein A und tiefer als ein E sein. Hätte ich doch eine Stimmgabel.

***
Stimmgabel - Durchmesser - Rotzlöffel

***

Denken geht gar nicht. Denken ist wie über ein Minenfeld gehen. Kaum bewege ich mich, explodiert es in meinem Kopf.

***

23.07.07

Tiergeschütze

Sie haben etwas Rührendes, diese eifrigen, Honigmilch getränkten Tierfreunde, die auf der Strasse Geld sammeln um ihr Gewissen zu beruhigen. Andererseits ist ihre Überheblichkeit, auf der richtigen Seite zu stehen ohne je auch nur irgendwas gewagt zu haben beinahe unerträglich. Ihr Mitleid mit Tieren sprüht nur so von Selbstmitleid. Dieses Tiergeschütze wirkt wie am Schreibtisch der Denunzianten und Kontrolleure entworfen für die Verwirrten unter den Zukurzgekommenen.
Letztendlich ist es eine ziemlich unclevere Art, die Verantwortung für die Zerstörungskraft der Gesellschaft in der die Tierschützer vor sich hin leben, abzugeben.
Tierfreunde wollen Tiere vor den Menschen retten. Sie wollen Tiere haben. Und keiner fragt die Tiere, ob sie es mit den Menschen aushalten. Keiner kommt auf die Idee, dass sie vielleicht die Schnauze voll haben und lieber aussterben. Tierfreunde wollen helfen.
Wir Menschen können den Tieren nur helfen, wenn wir uns von ihnen retten lassen. Dann haben wir auch eine tiergerechte Haltung gefunden.

21.07.07

Malaise passager

Heute den ganzen Tag im Bett verbracht, bin schon wieder erkältet verflucht noch mal. Früher war ich nie krank. Diese Sesshaftigkeit macht mich anfällig! Auf alles!
Krank. Der Tag streicht einfach so an mir vorbei und ich frage mich am Abend, warum ich überhaupt noch weiterlebe. Dann höre ich meine Mitbewohnerin in der Küche mit Pfannen scheppern und leise dringt Musik zu mir, halb Traum halb Schlaf, beruhigend. Sie fragt, ob ich essen mag und ich mag. Sehr.
Essen ist eine einfache und wirksame Überlebensstrategie.

18.07.07

Die grosse Tschibo Tank Girl Schaufenster Attraktion

Fiona: Ein Panzer, stell dir vor, die Frau bezeichnete mich als Panzer!
Ich: Du hast sie angerempelt!
Fiona: Ich habe sie aus Versehen gestreift!
Ich: Tank girl!
Fiona: Ich brauche jetzt einen Kaffee. Warst du schon mal dort drin?
Ich: Tschibo? Da kriegst du mich sicher nicht rein! Zieh nicht so!
Verkäuferin: Mittwoch ist Tassentag.
Ich: Ach ja?
Verkäuferin: Tassentag bedeutet, dass der Kaffee nur 2.90 Franken kostet.
Fiona: Am Fenster ist noch Platz. Warum hat sie Panzer zu mir gesagt.
Ich: Dein Panzer ist aus Glück, Humor und Schönheit. Was willst du mehr!
Fiona: Alle Passanten draussen schauen uns an.
Ich: Wir sitzen im Schaufenster.
Fiona: Zum Glück bin ich ein Panzer.

17.07.07

Die Hitze

sie macht, dass ich, wenn ich nur an ihn denke gleichsofortjetzt schon wieder Lust habe.

Es ist Morgen (Teil3)

Was für ein umwerfender Prachtstag! schreibe ich auf einen Zettel. Ich verlasse das Haus in aller Herrgottsfrühe und hinterlasse meiner Mitbewohnerin immer eine kleine Mitteilung auf dem Küchentisch. Um die Worte herum zeichne ich eine Sprechblase. Ich mag Sprechblasen. Ich zeichne eine Comicfigur unter die Sprechblase.
Manchmal schreibe ich etwas Lyrisches. Aber früh morgens kann Lyrik noch unerträglicher sein als ein erzählter Traum. Ich stelle mir vor, wie sie die lyrisch-kryptischen Zeilen liest ohne irgendeinen Sinn darin zu finden und trotzdem lächelt. Aus milder Morgenstimmung heraus, oder weil sie mich mag.
Ich streiche umwerfend: Was für ein Prachtstag! Ist schon interessant, wie man irgendwann aufhört, Prachts- zwingend mit -Kerl zu verbinden, allenfalls noch mit -Schwanz. Im Alter kann einem schon die Morgensonne ein Seufzer des Entzückens entlocken. Woher kommt bloss diese Euphorie! Ich streiche Prachtstag. Ich streiche alles.
Ich schreibe: Könntest du bitte die Wäsche draussen aufhängen? Pfeil: Waschmaschine. Ich mag Pfeile. Zeichne noch ein paar Zierpfeile.
Zierpfeile, die ziemlich phallisch aussehen, fällt mir gerade auf.
Jetzt muss ich natürlich wieder an Prachtsschwänze denken.

15.07.07

.


Heute hat der Drachenkopf zu blühen begonnen. Das erste Blütenköpfchen, das erstaunt in die Welt schaut. Wunderbar!

Bei schönem Wetter ist der Garten ein Paradies und ich habe solch ein Glück meine Nachmittage im Himmel zu verbringen!

10.07.07

con 24000 baci

Den ganzen Tag schon schiessen 24000 baci durch meinen Kopf. Wie Querschläger von Celentanos Stimme.
Seit ich Kusturicas „Erinnerst du dich an Dolly Bell?“ gesehen habe, wünsche ich mir wieder einen Truthahn.
Als Kind hatte ich einmal einen Truthahn. Immer wenn ich pfiff, gluckerte (gluckste?) er lauthals zurück. Er war imposant und versperrte mir den Weg zum Komposthaufen. Er konnte ziemlich heftig reklamieren. Ich fürchtete mich ein wenig vor ihm. Aber ich war auch fasziniert von seinem Hals und der eigenartigen Stimme, die aus diesem Geschwabbel hervorkullerte.
Diese frühe obsessive Faszination für das Unheimliche, Ekelhafte, Seltsame, Gefährliche und darum Schöne.

Jedenfalls ist der Text des Liedes ungefähr so:

Mit 24000 Küssen vergehen die Stunden glücklich, weil ich dich jede Sekunde küsse.
Keine wunderschönen Lügen, keine leidenschaftlichen Liebesschwüre sondern nur Küsse, die ich dir gebe je je je je je ...

08.07.07

Die Erinnerung der Topfpflanzen

Neulich sass ich in einem türkischen Restaurant und betrachtete die tropischen Topfpflanzen. Dabei erinnerte ich mich an die trostlosen Zimmerpflanzen auf all den Fensterbrettern weltweit. Die Idee, dass man eine Pflanze aus ihrer natürlichen Umgebung heraus reisst, um sie zu Dekorationszwecken bei sich aufzustellen, fand ich absurd.
Die Topfpflanzen hier im Restaurant kamen irgendwo aus dem Urwald, soviel war sicher. Da standen sie nun am Fenster in dieser düsteren Umgebung mit den Plastiktischen. Doch es schien ihnen hier an nichts zu fehlen. Pflanzen haben den Vorteil, dass sie ihre Wurzeln immer bei sich haben. Sie können im Grunde überall leben, wenn man ihnen ein bisschen Erde und Wasser gibt. Sie sind genauso entwurzelt wie ich selbst, deshalb mag ich sie.
Topfpflanzen werden sich in ihrem Wesen nie gross ändern. Eine Palme bleibt immer eine Palme auch wenn man mit ihr in einem Vorort von Reijkjavik lebt. Zunächst denkt man, dass die Funktion der Zimmerpflanzen es ist, in der Ecke oder am Fenster zu stehen und den Raum zu begrünen. Doch dann bemerkt man, dass dies nur vordergründig so ist.
Zimmerpflanzen sind nämlich Diplomaten. Und wie alle diplomatischen Vertreter halten sie sich bedeckt. Hauptsächlich leben sie vom repräsentieren. Meist stehen sie nur da und erinnern sich: An die Düfte und Geräusche ihrer Heimat, an die Erlebnisse ihrer Ahnen. Topfpflanzen sind immer alt, auch wenn sie noch ganz klein sind. Und weil sie alt sind, halten sie gerne ab und zu ein Schwätzchen. Deshalb ist es natürlich gut, wenn sie Pflanzen antreffen, die aus derselben Region stammen wie sie selbst. Dann erzählen sie einander Geschichten vom Urwald und den Giftpfeilkröten, die zwischen ihren Wurzeln umher hüpften und dem warmen Regen, der über sie hinweg fegte. Sie erzählen von den Schreien der Papageien, die sie gehört haben in mondhellen Nächten. Dann schauen sie sich um und sagen:
Hier bin ich, das ist gut, ich habe alles dabei und was ich weiss genügt.

06.07.07

Romantische Momente

Wenn ich jetzt ein Handy hätte, würde ich auf eine Mitteilung warten und nicht auf ihn, denke ich beim Warten.

04.07.07

Depeschieren Sie bitte!

Den Satz geträumt: Ich möchte am liebsten mein Herz depeschieren.
Keine Ahnung wie dieses altmodische Wort in mein Traumrepertoire gelang.
Überhaupt: Absurde Herzträume in letzter Zeit.

* * *

porös-pornös

* * *

Sage ohne es zu merken trächtig anstatt schwanger. Deformation professionelle.

* * *

Mit meinen Freundinnen in der ‚Turnhalle’, gleich anschliessend an Kunst über Mittag, heute ein
Auberginen-Peperoni-Olivenpaste-Focaccia
vom Kellner empfohlen bekommen,
und die Art, wie er Auberginen sagte, weich, fast zärtlich, und sich die Zeit nahm beim i zu lächeln. Er weiss genau, wie er auf uns wirkt. Aber er ist noch zu jung um zu realisieren, wie sehr wir es geniessen.

* * *

Depeschieren, weil es regnet.

03.07.07

Mein erster Rollkoffer

Es macht ja nur Sinn sich Tabus aufzuerlegen, wenn man sie eines Tages wieder bricht.
Der Rollkoffer ist ein gutes Beispiel dafür.

Einen Koffer auf lächerlichen Rädern hinter sich her zu ziehen ist erst einmal irritierend.
Tabubrüche sind irritierend.
Aber sie führen in den Genuss einer neuen Selbstwahrnehmung.
Die Reisetasche hängte ich mir als Zeichen schwer wiegender Unbeschwertheit lässig um die Schultern. Ich trug stets mit sturer Eitelkeit jugendliche Bedürfnislosigkeit und Flexibilität mit mir herum.
Den Rollkoffer ziehe ich unbeschwert und genauso lässig hinter mir her. Ich trage kein Gewicht mehr sondern hohe Schuhe, wenn mir danach ist. Ich packe alles ein, was nur geht: Schätze, Mitbringsel, Bücher, unterwegs Gefundenes. Und die Männer heben mir auch noch dankbar lächelnd meinen prallgeschwollenen, tonnenschweren Koffer in den Zug.
Rollkoffer sind klasse.
Mit freundlicher Bewilligung des Ministeriums für bedrohte nomadische Bewegungen.
Yes.

23.06.07

zu

Bin noch bis anfang Juli auf Reisen.

15.06.07

Es ist Morgen (Teil2)

„Ich will jetzt nichts hören!“ ruft meine Mitbewohnerin aus der Küche. Es ist Morgen. Ich stehe im Bad vor dem Spiegel.

13.06.07

Sicher ist sicher

Mein Schlüsselanhänger ist futsch. Es war der heilige Christophorus. Der Schutzpatron der Reisenden und Fahrenden. Der ganze Schlüsselbund ist mir beim Fahrradfahren aus der Hosentasche gefallen. Ein Auto fuhr straks darüber, noch bevor ich bremsen konnte. Der Christophorus zersplitterte komplett. Ich bin ja nicht abergläubisch. Ganz und gar nicht. Aber das ist nun eindeutig ein Zeichen. Ganz egal was es bedeutet, ich habe beschlossen vorsichtiger zu fahren. Vielleicht sollte ich mich nicht mehr an die Strassenbahn hängen und mich von ihr über die Kirchenfeldbrücke ziehen lassen.

12.06.07

eigentlich

Die Welt ist freundlich
Warum wir eigkntllch nchtt

11.06.07

Es ist Morgen

„Ist letzte Nacht ein Traktor durch die Wohnung gefahren?“ fragt meine Mitbewohnerin aus dem Bad. Es ist Morgen. Ich sitze in der Küche und stelle mir vor, wie ein Traktor durch die Wohnung fährt. Die Vorstellung ist nicht übel. So früh morgens laufen solche Filme noch in Zeitlupe ab.
„Warum?“ rufe ich zurück.
„Ich sehe aus, als wäre ich von einem Traktor überfahren worden,“ sagt sie.
Sie setzt sich zu mir an den Frühstückstisch. Die Reifen haben tatsächlich ein paar interessante Abdrücke auf ihrer Wange hinterlassen. Über den ganzen Arm erstreckt sich ein eingeprägtes Pneuprofil.
„Und,” fragt sie, „wie sehe ich aus?“
„ Die Nacht hat hübsche Falten auf deine Haut tätowiert.“
„Und ist die Nacht auch über meinen Kopf gefahren? Ich sagte doch Traktor! “
„Du siehst total traktoriert aus“ sage ich „mit deinen flachgedrückten Haaren, deinen geschwollenen Augen und dem zerknitterten Gesicht. Das sieht so sexy aus, das glaubst du gar nicht.“
„Sexy“
„Mhmja.“
Sie lächelt endlich.

08.06.07

Kontrollieren Sie bitte.

Heute ist ein grosser Tag. Heute kommt mein Lieblingskondukteur vorbei. Ich sehe ihn draussen auf dem Bahnsteig stehen. Ich kann es kaum erwarten. Er wird mir bestimmt wieder in die Augen schauen bevor er mein Billet kontrolliert.
Seit drei Wochen warte ich auf diesen Augenblick. Vor drei Wochen schaute er mir tief in die Augen und kontrollierte mein Billet.

„Bonjour,“ höre ich ihn sagen. Er steht plötzlich vor mir und ich erstarre. Ich wage es nicht, ihm in die Augen zu schauen. Mein Herzschlag jagt wie eine Flipperkugel in meiner Brust herum. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Er wartet. Er legt seinen Arm auf die Sitzlehne. Ich höre seine Uhr ticken, so nah ist seine Hand an meinem Ohr. Er will dein Billet sehen, denke ich. Nimm das Billet hervor und zeige es ihm.
„Oui?“ fragt er nur.
„Votre sourir me tourmente,“ sage ich errötend. Tourmente. Tourmente. Das ist sicher das falsche Wort. Mir fallen immer die falschen Worte ein, in solchen wichtigen Momenten. Ihr Lächeln tourmentiert mich. „En bien ou en mal,“ fragt er lächelnd. Was um Himmels Willen bedeutet tourmente, denke ich und sage ja ja, im guten, nicht im schlechten Sinn. „Ah bon,“ sagt er erstaunlich erleichtert.
Gerettet.
Ich schaue ihn kurz an. Er hat unverschämt helle Augen. Ich bin verloren. Ich erröte und sage: „Je rougis.“ Er geniesst es ausgiebig mich roujir zu sehen. Ich fächere mir mit der Hand etwas Luft zu. Es hilft nicht. Es sieht nur dramatisch aus. Als würde ich gleich in Ohnmacht fallen. Mit glühenden Wangen halte ich ihm mein Abonnement vor die Augen. Er nimmt es mir aus der Hand, dreht es um und steckt es richtig herum wieder zwischen meine Finger. Ich wünschte, ich würde jetzt in Ohnmacht fallen.
Als er geht bin ich erleichtert und enttäuscht zugleich. Ich hasse das, diese gegensätzlichen gleichzeitigen Zustände. Es fühlt sich an wie zwei Kugeln auf einmal im Flipperkasten. Man spielt sie wie besessen und kriegt nichts mehr mit vom Spiel.
Von hinten sehe ich, dass er einen langen, schwarzen geflochtenen Haarzopf hat. Ein Kondukteur mit geflochtenen Haaren. Hellen Augen. Sonnenbrille auf dem Kopf. Ein Ohrring im linken Ohr. Wo gibt es denn so was.
Ich beruhige mich und bleibe noch eine Weile an dem Gedanken hängen, wie er ohne Uniform wohl aussieht. Nicht nackt jetzt. In seiner Freizeithose meine ich. Ist es ein Rocker? Oder eher ein Künstler?
Da taucht er plötzlich wieder vor mir auf. Mein Herz fällt in Ohnmacht. „Excusez-moi“ sagt er während er kurz stehen bleibt und mit dem Finger in seine Richtung zeigt, aber er müsse noch einmal hier entlang gehen. Dabei grinst er. Er grinst und geht entlang.

Ich muss meine Kollegin fragen, was tourmenter bedeutet, denke ich und nehme zwei Tritte auf einmal die Treppe rauf. „Chantal?“ rufe ich während ich die Tür öffne. Chantal ist Französischlehrerin und heisst wirklich so. Wenn man sie ärgern will, spricht man es deutsch aus: Schahnthal. Ich will sie nicht ärgern und rufe: „Chantal, was heisst vous me tourmentez?“
- „Das heisst, dass jemand dir grosse Probleme bereitet.“
- „Probleme welcher Art?“
- „Quälende, bedrängende Probleme.“
- „Kann es auch positiv gemeint sein?“
- „Nein.“
- „Ausgeschlossen? Auch nicht in einem positivmasochistischen Sinn?“
- „Es ist definitiv negativ,“ sagt sie.

29.03.07

Starke Frauen Teil 4

Rodeo Woman Fox Hastings

Sie hat alles um eine Legende zu sein: Ausreisserin aus dem elterlichen Haushalt mit 14, dann Heirat mit einem professionellen Rodeoreiter und Selbstmord in jungen Jahren in einem verlassenen Hotel in Arizona. C’est la vie.


Stark war sie bestimmt, denn ihr Rekord im Bullen flachlegen lag bei 17 Sekunden. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Die Fotos von ihr stammen von Homer Venters.



27.03.07

Über das Vergessen und den Schnee von heute

Ich versuche ihn zu vergessen. So, wie man sich das Rauchen abgewöhnt. Man denkt den ganzen Tag ans Rauchen und freut sich dann, dass man es geschafft hat nicht zu rauchen.
Ich wache morgens auf und mein erster Gedanke ist: Vergiss ihn!
„Aber...“ sagt die Erinnerung.
Vergiss ihn, denke ich, er passt nicht zu dir.
„Aber...“ seufzt die Nostalgie.
Vergiss ihn, sage ich, du warst doch glücklich auch ohne ihn.
„Aber...“ sagt die Lust.
Vergiss ihn! Wahrscheinlich hat er eine Geschlechtskrankheit. Bestimmt macht er ein Theater wegen den Kondomen. Oder seine Ex reitet ihn im Geiste immer noch in die Hölle und er ist zufrieden damit. Vergiss ihn!
„Aber...“ sagt die Lust. Sie gibt nicht so schnell auf.
Ich weiss schon, dir geht es nicht nur ums Ficken, meine Gute, erwidere ich voller Verständnis. Du wirst auch älter. Dir geht es um die warme Nachmittags-Sonne die auf uns scheint, wenn wir danach erschöpft am Boden zwischen den zerwühlten Laken liegen. Doch überleg mal ernsthaft meine Liebe, sage ich ganz vernünftig zu meiner unzufrieden im Zimmer hin und her trabenden Lust: Was ist wenn dir sein Schwanz nicht gefällt, was dann?
„Mir hat noch jeder Schwanz gefallen,“ erwidert die Lust eigensinnig „Und er hat bestimmt den schönsten Schwanz der Welt, wenn du meine Einschätzung hören willst.“
Dann küsst er sicher schlecht! Ach, vergiss ihn einfach! Er passt einfach nicht!
(Stille)
„Aber...“ fällt der Erinnerung plötzlich ein, die sich inzwischen den Einwand ‚Er passt nicht’ nochmals überlegt hat, „deine Nachbarin hat auch einen neuen Freund, der nicht zu ihr passt.“
Gestern Abend hatte sie mich zum Essen eingeladen und ihn mir vorgestellt. Er heisst Guglielmo und spricht Italienisch mit einem Akzent. „So süss,“ sagte meine Nachbarin. „Ich verstehe zwar oft nicht, was er sagt, aber ich höre ihm so gerne zu,“ schwärmte sie, als wären seine Worte wie Puderzucker auf ihr Gehirn gerieselt.
Er sieht aus wie ein Superheld in einem unkolorierten Comic. Seine Aufgabe ist vermutlich, durch seine Makellosigkeit die Welt von allem Bösen zu erlösen. Deshalb wurde er gezeichnet. Seine Gesichtszüge wirken prägnant und konturlos zugleich. Als ob man alles Aufsehen erregende mit einem Make-up-Schwamm weggewischt hätte. Irgendeinen Fehler muss er doch haben, dachte ich mir, und während ich mit ihm redete, wartete ich nur darauf, dass er sich durch eine unkontrollierte Geste als perverser Zahnarzt, feiger Psychotherapeut oder psychotischer Heiratsschwindler entlarvte. Nicht dass mich das jetzt sehr beeindruckt hätte, denn ich habe nie Zahnärzte oder Psychotherapeuten kennen gelernt, die anders gewesen wären. Und etwas Traurigeres als „normale“ Heiratsschwindler gibt es sowieso nicht. Doch es wäre eine willkommene Abwechslung zu dem Geplapper gewesen.
Aber so einfach war das nicht mit diesem durchtrainierten Bauchredner. Er redete und redete und ich sah zu, wie die Silben aus seinem losen Fischmaul perlten ohne ihren Sinn auch nur zu ahnen. Bald merkte ich, wie unwichtig es ihm war, dass ich ihn nicht verstand. Er sah einfach gerne den Zuckerschlösschen zu, die sich vor ihm auftürmten, während er redete.
Ich fragte mich, wo sich die Beiden wohl kennen gelernt haben. Vermutlich im Internet. Er kam bisher in der realen Welt meiner Nachbarin nicht vor. Nun sind sie zusammen. Und das Irreale an der Begegnung schwebt wie ein geheimnisvolles Missverständnis über ihnen.
(Stille)
Weshalb kommt eigentlich kein „Aber...“ mehr?

Es scheint ein sonniger Tag zu werden heute. Auf den Sträuchern vor meinem Fenster liegt noch etwas Schnee. Ich wäre heute so gerne mit ihm Schlitteln gegangen. Nun wird er allmählich aus meinem Sehnen verschwinden wie der Schnee, draussen vor der Stadt auf den Äckern, der langsam in den Furchen zerschmilzt.