08.07.07

Die Erinnerung der Topfpflanzen

Neulich sass ich in einem türkischen Restaurant und betrachtete die tropischen Topfpflanzen. Dabei erinnerte ich mich an die trostlosen Zimmerpflanzen auf all den Fensterbrettern weltweit. Die Idee, dass man eine Pflanze aus ihrer natürlichen Umgebung heraus reisst, um sie zu Dekorationszwecken bei sich aufzustellen, fand ich absurd.
Die Topfpflanzen hier im Restaurant kamen irgendwo aus dem Urwald, soviel war sicher. Da standen sie nun am Fenster in dieser düsteren Umgebung mit den Plastiktischen. Doch es schien ihnen hier an nichts zu fehlen. Pflanzen haben den Vorteil, dass sie ihre Wurzeln immer bei sich haben. Sie können im Grunde überall leben, wenn man ihnen ein bisschen Erde und Wasser gibt. Sie sind genauso entwurzelt wie ich selbst, deshalb mag ich sie.
Topfpflanzen werden sich in ihrem Wesen nie gross ändern. Eine Palme bleibt immer eine Palme auch wenn man mit ihr in einem Vorort von Reijkjavik lebt. Zunächst denkt man, dass die Funktion der Zimmerpflanzen es ist, in der Ecke oder am Fenster zu stehen und den Raum zu begrünen. Doch dann bemerkt man, dass dies nur vordergründig so ist.
Zimmerpflanzen sind nämlich Diplomaten. Und wie alle diplomatischen Vertreter halten sie sich bedeckt. Hauptsächlich leben sie vom repräsentieren. Meist stehen sie nur da und erinnern sich: An die Düfte und Geräusche ihrer Heimat, an die Erlebnisse ihrer Ahnen. Topfpflanzen sind immer alt, auch wenn sie noch ganz klein sind. Und weil sie alt sind, halten sie gerne ab und zu ein Schwätzchen. Deshalb ist es natürlich gut, wenn sie Pflanzen antreffen, die aus derselben Region stammen wie sie selbst. Dann erzählen sie einander Geschichten vom Urwald und den Giftpfeilkröten, die zwischen ihren Wurzeln umher hüpften und dem warmen Regen, der über sie hinweg fegte. Sie erzählen von den Schreien der Papageien, die sie gehört haben in mondhellen Nächten. Dann schauen sie sich um und sagen:
Hier bin ich, das ist gut, ich habe alles dabei und was ich weiss genügt.

Kommentare:

  1. Bei Ihrem Text muss ich sofort an das Topfpflanzenlied von Joseph Hader denken. Hier gibt es den Songtext.

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  2. Das ist nicht nur gut, sondern auch schön! Ähnlich seltsam ist die Tatsache der Hunde, nicht wahr?

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  3. Oh ja, das ist wahr. Schön, dass Sie das so sehen!
    Nun bekomme ich direkt Lust etwas über die Tatsache der Hunde zu schreiben.
    Haben Sie einen Hund?

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