27.03.07

Über das Vergessen und den Schnee von heute

Ich versuche ihn zu vergessen. So, wie man sich das Rauchen abgewöhnt. Man denkt den ganzen Tag ans Rauchen und freut sich dann, dass man es geschafft hat nicht zu rauchen.
Ich wache morgens auf und mein erster Gedanke ist: Vergiss ihn!
„Aber...“ sagt die Erinnerung.
Vergiss ihn, denke ich, er passt nicht zu dir.
„Aber...“ seufzt die Nostalgie.
Vergiss ihn, sage ich, du warst doch glücklich auch ohne ihn.
„Aber...“ sagt die Lust.
Vergiss ihn! Wahrscheinlich hat er eine Geschlechtskrankheit. Bestimmt macht er ein Theater wegen den Kondomen. Oder seine Ex reitet ihn im Geiste immer noch in die Hölle und er ist zufrieden damit. Vergiss ihn!
„Aber...“ sagt die Lust. Sie gibt nicht so schnell auf.
Ich weiss schon, dir geht es nicht nur ums Ficken, meine Gute, erwidere ich voller Verständnis. Du wirst auch älter. Dir geht es um die warme Nachmittags-Sonne die auf uns scheint, wenn wir danach erschöpft am Boden zwischen den zerwühlten Laken liegen. Doch überleg mal ernsthaft meine Liebe, sage ich ganz vernünftig zu meiner unzufrieden im Zimmer hin und her trabenden Lust: Was ist wenn dir sein Schwanz nicht gefällt, was dann?
„Mir hat noch jeder Schwanz gefallen,“ erwidert die Lust eigensinnig „Und er hat bestimmt den schönsten Schwanz der Welt, wenn du meine Einschätzung hören willst.“
Dann küsst er sicher schlecht! Ach, vergiss ihn einfach! Er passt einfach nicht!
(Stille)
„Aber...“ fällt der Erinnerung plötzlich ein, die sich inzwischen den Einwand ‚Er passt nicht’ nochmals überlegt hat, „deine Nachbarin hat auch einen neuen Freund, der nicht zu ihr passt.“
Gestern Abend hatte sie mich zum Essen eingeladen und ihn mir vorgestellt. Er heisst Guglielmo und spricht Italienisch mit einem Akzent. „So süss,“ sagte meine Nachbarin. „Ich verstehe zwar oft nicht, was er sagt, aber ich höre ihm so gerne zu,“ schwärmte sie, als wären seine Worte wie Puderzucker auf ihr Gehirn gerieselt.
Er sieht aus wie ein Superheld in einem unkolorierten Comic. Seine Aufgabe ist vermutlich, durch seine Makellosigkeit die Welt von allem Bösen zu erlösen. Deshalb wurde er gezeichnet. Seine Gesichtszüge wirken prägnant und konturlos zugleich. Als ob man alles Aufsehen erregende mit einem Make-up-Schwamm weggewischt hätte. Irgendeinen Fehler muss er doch haben, dachte ich mir, und während ich mit ihm redete, wartete ich nur darauf, dass er sich durch eine unkontrollierte Geste als perverser Zahnarzt, feiger Psychotherapeut oder psychotischer Heiratsschwindler entlarvte. Nicht dass mich das jetzt sehr beeindruckt hätte, denn ich habe nie Zahnärzte oder Psychotherapeuten kennen gelernt, die anders gewesen wären. Und etwas Traurigeres als „normale“ Heiratsschwindler gibt es sowieso nicht. Doch es wäre eine willkommene Abwechslung zu dem Geplapper gewesen.
Aber so einfach war das nicht mit diesem durchtrainierten Bauchredner. Er redete und redete und ich sah zu, wie die Silben aus seinem losen Fischmaul perlten ohne ihren Sinn auch nur zu ahnen. Bald merkte ich, wie unwichtig es ihm war, dass ich ihn nicht verstand. Er sah einfach gerne den Zuckerschlösschen zu, die sich vor ihm auftürmten, während er redete.
Ich fragte mich, wo sich die Beiden wohl kennen gelernt haben. Vermutlich im Internet. Er kam bisher in der realen Welt meiner Nachbarin nicht vor. Nun sind sie zusammen. Und das Irreale an der Begegnung schwebt wie ein geheimnisvolles Missverständnis über ihnen.
(Stille)
Weshalb kommt eigentlich kein „Aber...“ mehr?

Es scheint ein sonniger Tag zu werden heute. Auf den Sträuchern vor meinem Fenster liegt noch etwas Schnee. Ich wäre heute so gerne mit ihm Schlitteln gegangen. Nun wird er allmählich aus meinem Sehnen verschwinden wie der Schnee, draussen vor der Stadt auf den Äckern, der langsam in den Furchen zerschmilzt.

Die schönsten Fehler heute

Schreiben Sie bitte einen Satz mit dem Wort:

heiss

Wie heisst er?


25.03.07

Sonntagsmusik bei Minka



Beirut entdeckt.
Das Album Gulag Orkestar.
Ein Album, ganz nach meinem Geschmack. Ein 20 jähriger begnadeter Musiker Namens Zach Condon steckt dahinter.
Und welch wundervolle Stimme er hat. Dieu de Dieu!

23.03.07

Das Gefühl für die Zeit

Ich fahre neuerdings jeden Tag mit dem Zug nach Biel. Und ich renne aus diesem Grund jeden Morgen durch den Bahnhof, weil ich immer spät dran bin und kein Gefühl für Bahnhöfe, wartende Züge und Sekunden habe. Es handelt sich bei verpassten Zügen immer um Sekunden. Und bei erwischten Zügen um pochende Herzschläge.
Während der Zugfahrt lese ich oder kombiniere, was man eben so morgens alles in Gedanken zusammen kombiniert.
Im Moment kann ich aber weder lesen noch denken. Draussen schneit es und der Gedanke an diesen Mann fühlt sich an, als würde es in meinem Kopf stürmen und schneien. Ich traf ihn gestern Nachmittag und er sah noch besser aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Wenn er lachte, bildeten sich kleine Falten auf seinen Wangen und als er mir in die Augen schaute, war ich in höchster Lawinengefahr.
Ach, was will man mehr, als am Zugfenster zu sitzen und die Schmetterlinge im Bauch über den Schnee flattern sehen.

09.03.07

Die Blonde, die sich ein wenig geniert und der Latino, der sie dabei massiert

Die Blonde und der Latino sitzen neben mir in der Bar. Sie sieht vom Typ her ein wenig aus wie die Sprechstundenhilfe, die man sich als Mädchen mit 12 Jahren zu werden wünscht. In dieser kurzen Phase, nachdem man begriffen hat, dass Pferdezureiterin und Tierärztin auch nicht so ganz das Wahre zu sein scheinen. Sie spricht in einem fort und er hört geduldig zu. Indianer sind geduldig, sagen seine Augen. Tja so ist das, Gringa. Verständnis, Verständnis überall. Er versucht ganz offensichtlich, sie zu verführen. Weshalb sollte er sonst immer noch Lächeln, bei all dem was er zu hören bekommt.
Verführungen sind immer ein spannendes Theater, denke ich. Zumindest solange die Akteure noch nüchtern sind. Ich warte auf meine Freundin und das unerwartete abendliche Unterhaltungsprogramm kommt mir gerade sehr gelegen.
Er schlägt ihr also eine Massage vor.
- Warum willst du mich denn massieren? fragt sie.
Blöde Frage, denkt er. Aber was er sagt ist:
- Ich bin Masseur. Ich mache die besten Massagen der Welt. Du wirst schon sehen.
Ich bemerke ihre Verlegenheit, weil sie nicht einschätzen kann, worauf er hinaus will. Warum sagt er Massage, denkt sie, oder meint er das wirklich. Aber eigentlich will sie es auch gar nicht so genau wissen. Wegen der Romantik und so....
Der Indio lächelt sie weiter gelassen an, während er daran denkt, wie er ihren bleichen Blondinenkörper unter seinen Händen um den Verstand bringen wird. All die Sonne in seinen Händen.
Weil ihr nichts besseres einfällt schüttelt sie nun erstmal verneinend ihren kopflosen Bernerburgerinnen-Blondschopf. Sieht immer gut aus, besonders jetzt mit der neuen Frisur. Hunde gähnen in so einem Moment, habe ich mal gelesen, als Übersprungbewegung. Aber gähnen kann sie jetzt ja schlecht. Doch man sieht schon jetzt, dass sie fühlt, dass sie sowohl ein ja wie auch ein nein später gleichermassen bereuen wird.
- Nur eine Massage, höre ich ihn sagen, und seine Stimme klingt so aufmunternd wie die eines Frisörs, der sagt: Nur die Spitzen.
- Na ja, eigentlich hast du recht, sagt sie, eine Massage könnte ich jetzt ganz gut brauchen, und verzieht dabei die Schultern um so etwas wie eine Verspannung vorzutäuschen.
Sogar ich spüre, dass sie es jetzt darauf ankommen lassen will. Aber sie will ohne wollen zu müssen. Sie stellt auf Autopilot. Sie fliegt gerne mit dem Autopiloten über einen ihr fremden Strand. Durch die Sonnenbrille sehen die Strände eh alle gleich aus und das Meer erscheint von oben so dunkel und schwer, dass man sowieso nie darin baden möchte. Nur das mit der Landung in Bern-Bümpliz ist manchmal etwas schwierig, weil automatisch geht das nicht. Aber wenn die Pilotin ihre Maschine kennt spürt man die Landung kaum. Ha ha guter Spruch oder?
Sie möchte, dass der Lauf der Dinge für sie entscheidet. Dabei nähert sie sich innerlich einem Zustand, den sie als „spontan“ bezeichnen würde.
Allerdings endet das mit der Spontaneität wie sie aus Erfahrung weiss, meist tragisch. Das funktioniert eigentlich nur theoretisch, das mit der Spontaneität. Wenn man z. B. an all die Menschen denkt, die letztes Jahr ganz spontan nach Thailand in die Ferien gefahren sind und dann kam diese Flutwelle. Sie kam ja auch total spontan verrückt, so ganz spontan unkonventionell. Obwohl die sich wahrscheinlich schon frei fühlten damals, so ohne Koffern und Retourticket und alles. Aber so eine spontane Freiheit, die kann einem ganz schön Angst machen.

Doch jetzt hat dieser braungebrannte, exotische Latin-Lover sie zu massieren begonnen und sie glaubt für einen kurzen Moment, dass sie alles spontan richtig gemacht hat. Jedenfalls fühlt sich alles so an, wie damals als sie die Story darüber in dieser Zeitschrift für weltgewandte Frauen las. Dort stand auch, dass jede Frau ein Recht darauf hat sich verwöhnen zu lassen, und schliesslich war es ja seine Idee gewesen, das mit der Massage. Sie wusste zwar, dass er etwas anderes wollte, aber sie wusste auch, dass sie in einer Stunde zum Yoga verabredet war. Punkt.

Ja so ist das Indio, sagte Montezuma später zu dem mythischen Masseur als sie zusammen wieder draussen auf der Strasse standen, sie lassen dich das Zuckerrohr zwar jäten und ernten, Amigo, aber der Saft der durch deine Finger rinnt, schmeckt meistens bitter.

07.03.07

06.03.07

Mutige Frauen Teil 2

Quelle leider nicht mehr bekannt, gefunden irgendwann, irgendwo im Welt Weiten Web

Untertitel:
Wie man Erinnerungen und Geheimnisse konserviert

Auf meiner Reise in Kanada schenkte mir ein Jäger eine Dose Bärenfett. Es ist eine alte, rostige Farbdose mit einem Deckel, den ich nur mit einem Schraubenzieher öffnen kann. Ab und zu öffne ich die Dose und schaue rein, als gälte es ein Geheimnis zu lüften. Ich könnte damit meine Lederstiefel einreiben aber das tue ich nicht. Ich bewahre meine Fettdosen lieber auf. Ich habe seit zwanzig Jahren eine Murmeltierfett Dose, die ein Hirte im Bündnerland mir geschenkt hatte. Wenn ich die Murmeltierfettdose öffne, fallen mir all die Geschichten und Abenteuer meiner jungen Jahre in den Bergen ein, als wären sie darin bestens konserviert.

05.03.07

Als Kind wollte ich Dompteuse werden

Sehr empfehlenswert: Die Ausstellung Haarsträubend im Museum für Kommunikation.

Viele spannende Bilder sind Leihgaben aus Berlin. Zum Beispiel dieses hier:

Claire Heliot 1866 - 1953



Nun weiss ich auch, wie Wildschweinduftdrüsen riechen: Es erinnert einen an etwas, aber man kommt nicht gleich dahinter, was es ist. Es ist wie der haftende Geruch nach dem Sex. Er ist nicht zu orten, schwebt wie eine Erinnerung im Raume.

Bibergeil, das Sekret aus dem Castorbeutel des Bibers riecht sehr männlich. Der Geruch von Dunkelheit und Bartstoppeln, und weichen, warmen Hoden unter der Decke.

Und wenn ich schon dabei bin: Moschus riecht nach fickrigen, kleinen Männern. Das ist aber persönlich. Ich kannte mal einen kleinen, fickrigen Mann, der sich so ein Moschus Duft an den Hals schmierte.

04.03.07

Handwerkerinnen bei der Arbeit

„Lass mich auch mal bohren,“ sagt meine Mitbewohnerin. Ich drücke ihr den Bohrschrauber in die Hand. „Hier bohrst du rein,“ sage ich und zeige ihr die Stelle auf dem Holzbalken. Sie bohrt ein wenig und bleibt stecken. „Immer rein und raus,“ sage ich. „Arbeite dich langsam vor, immer ein Stück tiefer rein.“ Sie bohrt und lacht plötzlich: „Ich wusste gar nicht, dass Bohren etwas so Sexualisiertes ist.“

28.02.07

Der Klang bewegter Stille

Le temps reposé rêve des silences en mouvements.
Oscar Wiggli.

26.02.07

Die dahintreibende Kranke und das Äffchen ihrer Träume

Wenn ich krank bin werde ich anhänglich. So anhänglich wie meine süsse kleine Freundin Zhu, wenn sie betrunken ist. Dann lehnt sie sich schwankend an mich wie an ein Brückengeländer, weil ihr schwindlig wird, sobald sie in die Tiefe schaut. Sie verknotet ihre Arme um meinen Hals wie ein Halstuch. Sie legt den Kopf auf meine Schulter und denkt keine Sekunde daran, den Knoten zu lockern. Sie sagt: Minka, ich habe dich so vermisst.
Tja, ich bin krank und habe Halsschmerzen. Wenn ich krank bin werde ich anhänglich und vermisse alle Menschen. Das ist die grosse Misere. Aber das ist nicht alles: Mir sind die Papiertaschentücher ausgegangen und ich schnäuze mich in ein Bettlaken aus dem Wäschekorb. Einen Zipfel des Tuches habe ich immer in der Hand, der Rest hängt wie ein nutzloser Hochzeitsschleier vom Bett runter. Ich merke gerade, dass ich gerne ziemlich deliriöse Allegorien produziere. Ich hätte es gerne etwas dramatischer, überreifer, unheimlicher... Bitte. Schliesslich bin ich krank. Nochmals dramatischer: Der Rest hängt hinunter wie ein zerrissenes Segel am Schiffmast eines verwesenden Geisterschiffes, das seit Äonen verloren im weiten Ozean umher treibt. Das mit dem Segelschiff ist mir gerade eingefallen, weil ein Freund letzte Nacht von mir träumte, ich hätte ein Segelschiff auf dem Bauch tätowiert und daneben einen Walfisch, der sich lachend auf Höhe der Leber an meiner Seite tummelt. Lebertran. Ein Walfisch auf der Leber. Wenn ich mal Geld und Zeit habe, werde ich mir einen Schafbock mit grossen Hörnern auf die Leiste tätowieren lassen. Er würde auf meinen Schamhügel zuspringen und vor Freude die Hinterfüsse in die Luft werfen. Ich schnäuze mich langsam von einer Ecke des Lakens zur nächsten vor. Wenn das Laken vollgeschnäuzt ist habe ich immer noch den Wäschekorb mit den Badetüchern. So nun ist aber genug mit der Misere.
Ein kleines Äffchen auf der Schulter tätowiert würde mir auch gefallen.
Es würde mir Geheimnisse ins Ohr flüstern, und sich dann verschmitzt die Hand vor den Mund halten.
Wenn einem ein Äffchen etwas ins Ohr flüstert, ist das wie ein Bächlein mit bunten Papierschiffchen, das durch die trübselig gestimmte Landschaft der eigenen Gedanken plätschert.
Am liebsten wäre mir natürlich ein weitgereistes Äffchen, dass mir alles erzählen würde, was es im Laufe der Jahre gesehen und erlebt hat. Wobei die furchterregenden, japanischen Geistergeschichten von den gummihalsigen, rachsüchtigen Dämoninen, die sich nachts an einsame Wanderer heranschleichen, die allerbeste Medizin für Halsschmerzen sind.


Natürlich ist so ein Äffchen ein Feinschmecker, der sämtliche Gerichte, auch diejenigen aus den entlegensten Gegenden der Welt kennt und blitzschnell selber kochen kann.
Ach, warum kommt meine Mitbewohnerin nicht endlich nach Hause und kocht mir ein Süppchen und bringt mir dreihundert Multipackungen Taschentüchern ans Bett und erzählt mir, was auf der Welt passiert?

24.02.07

Ohne Worte

Brot mit Alpenrosenhonig und Ricotta und gerösteten Mandelplättchen.
Dazu Lindenblüten Tee mit Holunderblütensirup.

23.02.07

Delirium

Oh mein Dampfkochkopf

22.02.07

Dessinieren Sie bitte!


Ich liege erkältet im Bett. Wenn ich nicht mehr schlafen, nicht mehr lesen und auch keine Urlaubsfotos mehr sehen kann, dann nehme ich meinen schnugeligen Laptop ins Bett und zeichne. Es ist ein lustiges Wunderspiel: Mit jeder Zeichnung, die ich abschicke, bekomme ich eine Neue vorgezeichnet. Irgendwo auf dieser Welt sitzt ein Mensch, der mir eine Zeichnung macht. Nur mir. An mein Krankenbett.
Wie schön.
Am meisten freue ich mich immer über japanische Manga Zeichner. Die sind klasse.
Und wäre meine Hand nicht so zittrig und mein Kopf so deliriös, wäre ich vermutlich schon längst süchtig.

20.02.07

Dekonstruieren Sie sich bitte! Teil 4

Der Sportwagenfahrer, der sogar im Winter mit offenem Fenster und ohrenbetäubender Musik fährt um den Frauen aufzufallen. Wie wichtig es ihm ist, dass alle seine momentane Stimmung, seinen geilen Musikgeschmack und seinen männlichen Egoismus mitkriegen. Er nimmt sich so wichtig mit seinen Gefühlen. Wie er starr vor sich hinsieht, um Gleichgültigkeit gegenüber all den Dingen zu demonstrieren. Das Tragische ist, dass er nicht realisiert, wie lächerlich er sich bei den Frauen macht.

19.02.07

I will rock this house!



Ich lese heute Abend am Tintensaufen im Musig Bistro Monbijou um neun.

17.01.07

Au revoir!

Ich habe keine lust mehr hier etwas zu schreiben.
Das ist alles.

02.01.07

Ich fahre gleich für zwei Wochen nach Berlin und Umgebung.

29.12.06

Perspektivieren Sie bitte!

Ich war in Neuchâtel. Ich wollte schon lange die Wege meine Kindheit noch einmal gehen, mit allen Erinnerungen und Bildern, die auf solchen nostalgischen Spaziergängen in die Vergangenheit entstehen. Als Erwachsener sieht man die Wege der Kindheit aus einer ganz anderen Perspektive. Die hohen Steinmauern auf denen ich todesmutig balancierte, weil der Boden eine Todeszone war, genau genommen ein Meer mit Ungeheuern, sind nur noch hüfthohe Mäuerchen am Rande eines harmlosen Weges.
Ich komme nicht dazu Erinnerungen nachzuhangen, weil meine Mutter mich begleitet und die ganze Zeit redet. Sie kam mit, weil sie mich schon lange einmal irgendwohin begleiten wollte, und ich nicht nein sagen konnte. – Ich habe, wie du, zehn Jahre in Neuchâtel gelebt. Es ist auch meine Stadt, sagt sie, und besteht darauf, zuerst das Schloss zu besichtigen. Sie erzählt mir andauernd, was sie sieht. Schau hier der Reformator Farel, schau da der Hafen, wo du beim Schwäne Füttern in den See gefallen und beinahe ertrunken bist. Dein Papa hat dich gerettet und dabei einen Schuh im See verloren. Und dort ist die Place Pury. - Wer war denn Monsieur Pury? – Irgendein reicher Sack, sagt sie.
Ich lerne die Perspektive meiner Mutter kennen:
„Ich zeige dir,“ sagt sie, „noch das neue Einkaufzentrum bei der Roten Kirche. Oben drauf haben sie sogar ein Fussballfeld gemacht.“
Ein Fussballfeld auf dem Dach für die Angestellten, vermute ich im Stillen. Doch dann tauchen von weitem die Scheinwerfer des Spielfeldes auf. In Gedanken sehe ich die Angestellten des Supermarktes, wie sie nach Feierabend im Scheinwerferlicht Fussball spielen. Coop gegen Migros. Irgendetwas stimmt da nicht.
Und dann stehen wir vor dem Einkaufszentrum, das, genau genommen ein Stadion ist. Und wie alle modernen Einrichtungen protzt auch das neue Stadion mit Multifunktionalität. Mit anderen Worten: Unten drin sind ein paar Geschäfte.
Ein Einkaufszentrum mit wunderbaren Toiletten und einem Fussballfeld auf dem Dach ist es aus der Perspektive meiner Mutter.

17.12.06

Tram’n’Bus

Meine Mitbewohnerin und ich haben den gleichen Arbeitsweg. Wir fahren mit dem Tram bis zum Bahnhof und unterhalten uns über beliebte Frauenmorgenthemen wie - die Liebe. Die Liebe ist unerschöpflich und die Fahrt lang, darum eignet sich das Thema vorzüglich zum Tram fahren. Am Bahnhof steigen wir in den Bus um und lassen die Liebe als Souvenir den Leuten im Tram zurück.
Wir rennen auf den Bus und drängeln uns nach hinten, auf die zwei Sitze über den Hinterrädern. Es sind unsere geheimen Massagesitze. Wir schmiegen uns in die Sitze und halten die Luft an, bis der Chauffeur startet. Dann schüttelt es uns einmal kräftig durch. So beginnt unsere Vibrationsfahrt. Wir lassen uns bis zur Arbeit durchvibrieren. Alles vibriert, der Blick aus dem Fenster, das Herz, die Gedanken. Die Stimme auch. Die Vibration gibt der Stimme ein verzweifelt dramatisches Timbre. Wir probieren unsere timbrierten Stimmen aus, und hören uns reden und sagen: Wa’a’a’a’as ha’a’ast du gesa’a’agt? Eine Unterhaltung ist aussichtslos: Bei jeder Bodenwelle werden wir in die Luft gespickt und die Worte purzeln durcheinander.

09.12.06

Mein Leben, mein Blog und die Musik dazu

Judah Bauer bei Youtube eingetippt und überraschend einen alten Freund angetroffen.
Wie für mich gezaubert.

Make It Rain

Sehen Sie?

01.12.06

Dekonstruieren Sie sich bitte! Teil 3

Der asiatische Dobermannhalter auf seiner morgendlichen Spazierrunde mit seinem dunkelblauen Trainingsanzug und den Hanteln in den Händen. Alles im Griff.

Dekonstruieren Sie sich bitte! Teil 2

Der alte Mann vor mir im Tram, der ein paar wenige dünne Haarsträhnen quer über die Glatze gelegt hat. Wie er jeden Morgen in den Spiegel schaut und die langen Haare von der linken Seite rüberkämmt. Birkenwasser darüberträufelt. Noch einmal glatt streicht. Die zurecht gelegte Gewissheit, dass noch Haare auf dem Kopf sind. Auch er hält einen Mythos aufrecht. Vielleicht sieht er jeden Morgen einen jungen Casanova im Spiegel. Ich mag ihn irgendwie. Möchte ihn so gerne sehen, wenn seine Haare einseitig runterhangen.
Es erinnert mich an den befreundeten Postangestellten, der seine blonden Haare hinten zusammenband, aber seinen grauen Wollpullover, seine Bügelfaltenhosen und das Beamtenjackett einfach übersah, als er den Pirat, für den er sich hielt, im Spiegel sah. Ich dachte zuerst, er wolle den Kreativen darstellen, mit seinem Haarschwänzchen, oder den Esoteriker. Aber nein. Pirat.
Mythen sind wie ein Lebens-Make up. Sie verhindern, dass man sich ungeschminkt betrachtet und den grauen Merinopullover sieht.

Advent

Im Quartiertreff einen Vormittag zum Kerzenziehen für fünfzehn Personen reserviert:
- Und keine Kinder? - Nein. – Wie... keine Kinder? - Nein keine Kinder. - Also ohne Kinder? - Ja.

Meine Mitbewohnerin schenkt mir einen Adventskalender mit Hundertwasser’schen Goldfensterchen und goldenen Sternchen. Nur noch Wörter mit –chen Endungen brauchen in der Adventszeit.

27.11.06

Die Suche der vier Schwestern nach der Zeit, ohne die sie verloren wären

Den gestrigen Tag verbrachte ich in Gesellschaft meiner drei Schwestern. Wir kamen von Zürich, Thun und Genf nach Bern um den vierzigsten Geburtstag der Jüngsten zu feiern. Wir zelebrierten dieses Ereignis mit einem Wohlfühl-Tag. Dampfbad, Massage, Kosmetik, Spazieren, Feinessen. Auf solche Ideen kommt man erst mit dem Alter. Mit dreissig hatten wir uns noch ein Cabrio gemietet und kreuzten mit wehenden, weissgetupften Kopftüchern, Sonnenbrillen und lachenden Lippenstiftmündern durch die Stadt. Mit zwanzig legten wir unser Geld zusammen und gingen wie richtige Damen eine gewagte Eis-Kreation namens Coupe "Frauentraum” im Saal eines Hotels essen. Als Kinder feierten wir Geburtstag indem wir Erwachsene spielten, die sich gegenseitig in den Wohnungen besuchten, mit Kühlschränken voller Jogurt und Pudding. Mit einem wohligen Gefühl des Überflusses luden wir einander zu Broten mit unverschämt viel Butter und Zucker darauf ein. Wir übten alle die wichtigsten Berufe der Welt aus, wie Lebensretterin, Dompteuse oder Interviewerin, aber hauptsächlich waren wir allein erziehende Mütter. Wir hatten insgesamt mindestens zwanzig Puppenkinder und unser grosser Bruder durfte nur dann mitspielen, wenn wir ein Kind taufen mussten. Denn dann brauchten wir einen Pfarrer. Schon klar, dass er das doof fand.
Doch kehren wir zurück zu den vier Schwestern in der Wellness-Oase.
Wie ist das mit vierzig? Fragt die Jüngste uns. Erzählt mir, wie das bei euch mit vierzig war! Wir liegen auf den Liegestühlen, irgendwann ist bei dem Wellness-Verwöhn-Postenlauf zwischen Heilerdepackungen, Sauna und Massage auch mal das Verwöhnruhen auf Liegestühlen dran. Man gönnt sich einen Schluck von dem mit Sauerstoff angereicherten Wasser, Früchteteller werden angeboten. Also schnell und geschickt einen Mandarinenschnitz geniessen und dann eine Dattel oder vielleicht umgekehrt besser. Jedenfalls geht es schon darum, die perfekte Reihenfolge der Schnitze herauszufinden, ist ja schlieslich kein Müsli. Für mich selbst würde ich nach einigem hin und her der Variante Orangen- Feigen- Kaki- Kiwi- Mangoschnitz den Vorzug geben. An den Wänden dieses Vorzugsfrüchte- Schnitze-Ruhesessel-Wartesaals hängen ironischerweise schicke Schokoladenfotos. Makroaufnahmen von aufgebrochener, samtsattener Schokolade, Stücke gross wie Steinbrüche. Nur das Hinsehen allein macht schon glücklich. Bilder funktionieren immer. Funktioniert ja auch bei Nacktemänner-Bildern. Ich schliesse die Augen und stelle ich mir diese überdimensionalen schicken Männerfotos an den Wänden vor. Nackte Männer in Steinbrüchen. Samtene Haut auf den warmen Felsen. Saftig feuchte Schnitze, die wie von selbst den Lippen entlang gleiten. Glück.
Doch dann fällt mir ein, dass meine jüngste Schwester ja immer noch darauf wartet zu erfahren, welche Grauen sie erwarten, jetzt nachdem sie diese schwer belastete Grenze des vierzigsten Lebensjahres überschritten hat.
Mit vierzig, sagt meine älteste Schwester und unterstreicht ihre Worte, indem sie ihren schweren Hängebusen in den Händen wiegt, geht alles nur noch abwärts.
Genau das wollte ich nicht hören, sagt die Jüngste und wendet sich mit um Hilfe flehenden Blick an mich.
Also lege ich mich für sie ins Zeug, wie das Pferdchen vor einer Hochzeitskutsche. Vierzig, sage ich, ist das beste Alter überhaupt, Schwesterchen! Mit vierzig hat eine Frau diese optimale Mischung aus Erfahrung, Raffinesse und Schönheit erreicht, die Jüngere in staunend-nachahmende Bewunderung versetzt und Ältere in neidisch-wohlwollende Solidarität. Mit vierzig hatte ich meinen Stil gefunden und konnte mich auf mein Gefühl verlassen. Ich begann mir die Dinge zu gönnen, und nicht mehr zu leisten. Ich täuschte keine Orgasmen mehr vor, sondern multiplizierte sie geschickt.
Die jungen Liebhaber, welche mich umgarnten, entschuldigten sich scheu und höflich bei mir für ihre Unerfahrenheit. Mit den älteren Männern hingegen teilte ich all die vertrauensvolle Gewissheit und Ruhe, welche die heftigen Erfahrungen der Jugend einem bescheren, so sie gelebt wurden. Mit vierzig wusste ich, was ich will und alle Menschen verwöhnten mich voller Geduld und Dankbarkeit.

Da wurde es plötzlich ganz still in der nachmittäglichen Wellness-Relax-Lounge. Selten habe ich meine eher vorlauten Schwestern so in Gedanken versunken erlebt. Hatte ich etwas Falsches gesagt, oder gar etwas überaus Wahres? Etwas verwirrt öffnete ich die Augen ein ganz klein wenig, zu einem kleinen Schlitz und schaute mich um. Der Zimmerspringbrunnen plätscherte weiter vor sich hin, der sanft beleuchtete, steinerne Buddha zwinkerte mir zu, die Schockokanten an den Wänden kräuselten sich ganz aufgeregt, die Jungs aus dem Steinbruch scherzten mit meinen lachenden Schwestern. Da lehnte ich mich entspannt zurück und zog schmunzelnd den weichen Frottemantel etwas enger um mich. Es war gut die Anwesenheit meiner mit mir älter werdenden Schwestern zu spüren. Bald wird die erste fünfzig. Wir werden ihren Geburtstag entsprechend feiern.

26.11.06

Nach Mitternacht bin ich immer so müde und möchte nur noch schlafen

...und als ich mich von ihnen verabschiedete, schauten sie mich mit diesem oh du gehst schon Blick an, diesem traurigen. Der Italiener mit seinen roten Glühweinbacken nahm seine Gitarre in die Hand und zwar so, dass ich ahnen musste, wie wundervoll er gleich spielen würde. Der Lungenchirurg aus Aserbaidschan schaute beinahe vorwurfsvoll enttäuscht, weil wir eine Konversation begonnen hatten, die noch längstens nicht beendet war. So viele Augen auf einmal beim Abschied. Der Gastgeber, der mich nicht nur vom Aussehen her an ein frisch geschlüpftes Vögelchen erinnert, federlos und unkoordiniert in den Bewegungen. Der Architekt, der zwei Apfelstrudel und einen Hefegugelhopf gebacken hatte schaute mir mit den allertraurigsten Konstruktionsaugen nach. Wenn er wüsste, dass er der Zuckerbäcker ist, der gleich meine Träume versüssen wird.

15.11.06

Renovation

Geduld. Es wird schon. Ich kümmere mich drum. Bald.

07.11.06

Mein durcheinandergewürfeltes Leben

Ich habe keinen Internetanschluss bis Freitag und auch noch kein Licht in der Wohnung. Ich finde selbst bei Tageslicht nichts mehr. Ich suche immer alles. Ich habe keine Zeit zum Auspacken und Regale Aufstellen und Lampen Montieren. Ich nehme einfach aus den Schachteln raus, was ich unbedingt brauche und überall stehen durchwühlte Kisten und Papiertüten rum... Ich lebe in einem Schachtel Dschungel und bahne jeden Tag einen neuen schmalen Weg, vom Bett zum Tisch zur Ausgangstür. Die Küche ist noch zu.
Ehh ja, so ist das nun mal und ich habe keine Zeit! Am Wochenende kümmere ich mich um alles. Dann wird alles gut. Alles wird sowieso immer besser, weil meine neue Wohnung heller ist und frischer und weil ich eine Mitbewohnerin bekomme. Sie ist bildhübsch, kokett, erfrischend und unternehmungslustig, sie lacht viel und erinnert mich an mich mit 30. Vielleicht ist sie aber eine Geheimagentin vom Lieben Gott und die Ähnlichkeit mit mir mit 30 ist nur Tarnung. Ich freu mich.