Schafe grasten um mich herum, der Hund lief in der Ferne seine Runden, der Sonnentau fing kleine Mücken und die Kreuzottern wärmten sich in der Sonne. Meinen Füssen war es zu heiss in den Gummistiefeln. Das Moor war feucht und dampfte. Ich hütete Schafe und dachte nach. Oder ich träumte vor mich hin. Träumte von Sumpfmonstern, die plötzlich aus Moorlöchern auftauchten und sich aus traumtechnischen Gründen in Schönlinge verwandelten. Träumte von Lofts in Grossstädten mit allem Drum und Dran, einer Badewanne auf dem Loftdach, Designersofas, koksenden Gästen in schwarzen Kleidern. Träumte von Männern, die sich in Sexmaniacs verwandelten, Stuntmännern, die sich in Haiku dichtende Schöngeister verwandelten, Zirkusakrobaten, einem Flipperkasten und von Sushi. Was hätte ich nicht alles gegeben, nur für ein einziges Sushi.
Nun, ich habe alles gegeben. Dafür esse ich jetzt Sushi so viel ich will.
30.04.09
29.04.09
Kunstübermittag 2
Heute: 20JahreTracyEnim.
Ihr Leben, ihre Männer, ihren Körper, ihre Erinnerungen, oder selten in der Kunst dargestellte Themen wie Abtreibung oder Kinderlosigkeit und Alleinsein im Alter: Alles hat sie eingerahmt oder installiert und in Kunst umgesetzt.
Ihr durchgehendes Thema ist sie selber. Ihr Leben erzeugt Kunst. Eine Ausstellung, die Lust weckt auf das Leben, Sex, Kunst, Männer, Körper.
Die junge Blonde ohne Stimme macht die Führung. Aber Tracy Enims Werk ist viel spannender. Ich werde ein anderes Mal über die junge Blonde berichten.
Ein etwas hölzerner - ich vermute mal - Lehrer hat etwas auszusetzen an der Kunst und wuschelt dabei mit den Fingern in seinem lichten Bart. Er lächelt verlegen. Die Schweizer sind gut im sich Zurücknehmen. Sie lächeln, wenn sie kritisieren. Der immer etwas zersauste Aufseher allerdings, der mich jedes Mal nickend grüsst und mir lange nachsieht, kann sich heute nicht mehr zurückhalten und sagt salu, als ich an ihm vorbeigehe. Er ist aber für meinen Geschmack zu dünn.
Ihr Leben, ihre Männer, ihren Körper, ihre Erinnerungen, oder selten in der Kunst dargestellte Themen wie Abtreibung oder Kinderlosigkeit und Alleinsein im Alter: Alles hat sie eingerahmt oder installiert und in Kunst umgesetzt.
Ihr durchgehendes Thema ist sie selber. Ihr Leben erzeugt Kunst. Eine Ausstellung, die Lust weckt auf das Leben, Sex, Kunst, Männer, Körper.
Die junge Blonde ohne Stimme macht die Führung. Aber Tracy Enims Werk ist viel spannender. Ich werde ein anderes Mal über die junge Blonde berichten.
Ein etwas hölzerner - ich vermute mal - Lehrer hat etwas auszusetzen an der Kunst und wuschelt dabei mit den Fingern in seinem lichten Bart. Er lächelt verlegen. Die Schweizer sind gut im sich Zurücknehmen. Sie lächeln, wenn sie kritisieren. Der immer etwas zersauste Aufseher allerdings, der mich jedes Mal nickend grüsst und mir lange nachsieht, kann sich heute nicht mehr zurückhalten und sagt salu, als ich an ihm vorbeigehe. Er ist aber für meinen Geschmack zu dünn.
27.04.09
Frühlingssalat mit Veilchenblüten
26.04.09
Sonntagmorgen
Ich klopfe bei Fiona an die Wohnungstür: „Kommst du mit ins Diemtigtal?“
Es ist Sonntagmorgen früh. Fiona liegt noch im Bett, ich setze die Espressomaschine auf die Gasflamme. Als wir zwanzig Minuten später mit Sonnenbrille, Rucksack und Wanderschuhen vor dem Haus stehen, beginnt es zu regnen.
Wir kehren um in unsere Betten, schlafen aus.
Später spazieren wir zum Rosengarten und trinken einen Pastis. Es ist bewölkt und die Menschen sind ganz erträglich ohne ihre zwanghaft gute Sonnensonntagslaune.
Es ist Sonntagmorgen früh. Fiona liegt noch im Bett, ich setze die Espressomaschine auf die Gasflamme. Als wir zwanzig Minuten später mit Sonnenbrille, Rucksack und Wanderschuhen vor dem Haus stehen, beginnt es zu regnen.
Wir kehren um in unsere Betten, schlafen aus.
Später spazieren wir zum Rosengarten und trinken einen Pastis. Es ist bewölkt und die Menschen sind ganz erträglich ohne ihre zwanghaft gute Sonnensonntagslaune.
25.04.09
Neuer iPod
Das Sekundenglück des Postboten, wenn die Empfängerin des Paketes schon vor der Haustür auf ihn wartet und bei der Übergabe vor Freude in die Luft springt und in die Hände klatscht.
23.04.09
Kunstübermittag 1
Heute: Wilfried Moser.
Die Windfrisur macht die Führung. Die Windfrisur heisst so, weil sie ihre Haare immer waagrecht nach hinten sprayt. Es sieht aus, als würde sie permanent im Wind stehen. Sie trägt immer Herrenschuhe und ein aus der Mode geratenes Hosenkostüm.
Sie erwähnt in Zusammenhang mit Moser die Begriffe Taschismus und informelle Kunst, die ich mal fürs Protokoll notiere. Ich schreibe jetzt jede Woche ein Protokoll für meine lesbische Kollegin Nique, die vier Wochen in den Ferien ist und mich gebeten hat, ihr haargenau zu berichten, was sie bei Kunst über Mittag verpasst.
Die Windfrisur erklärt aber nicht, was Taschismus ist, sondern zählt die Namen von Künstlern aus der Entourage des Künstlers auf. Sie ist allgemein gut im Künstlernamen kennen. Es ist ihre Spezialität. Heute waren es 12 Namen, allesamt mir unbekannt. Ich habe Striche gemacht.
Nun interessiert sich Nique nicht nur für Kunst. Hauptsächlich interessiert sie sich für Frauen. Darum muss ich diese lange Blonde mit nur einem langen T-Shirt über den Strumpfhosen noch erwähnen. Die würde Nique so sehr ablenken, dass sie gar nicht mehr mitkriegen würde, was denn nun Taschismus sei, sofern die Windfrisur es doch noch erklärte. Weil die Lange mit dem knappen T-Shirt die ganze Zeit herumspaziert und die tief hängenden Schilder neben den Bildern liest.
Die Windfrisur macht die Führung. Die Windfrisur heisst so, weil sie ihre Haare immer waagrecht nach hinten sprayt. Es sieht aus, als würde sie permanent im Wind stehen. Sie trägt immer Herrenschuhe und ein aus der Mode geratenes Hosenkostüm.
Sie erwähnt in Zusammenhang mit Moser die Begriffe Taschismus und informelle Kunst, die ich mal fürs Protokoll notiere. Ich schreibe jetzt jede Woche ein Protokoll für meine lesbische Kollegin Nique, die vier Wochen in den Ferien ist und mich gebeten hat, ihr haargenau zu berichten, was sie bei Kunst über Mittag verpasst.
Die Windfrisur erklärt aber nicht, was Taschismus ist, sondern zählt die Namen von Künstlern aus der Entourage des Künstlers auf. Sie ist allgemein gut im Künstlernamen kennen. Es ist ihre Spezialität. Heute waren es 12 Namen, allesamt mir unbekannt. Ich habe Striche gemacht.
Nun interessiert sich Nique nicht nur für Kunst. Hauptsächlich interessiert sie sich für Frauen. Darum muss ich diese lange Blonde mit nur einem langen T-Shirt über den Strumpfhosen noch erwähnen. Die würde Nique so sehr ablenken, dass sie gar nicht mehr mitkriegen würde, was denn nun Taschismus sei, sofern die Windfrisur es doch noch erklärte. Weil die Lange mit dem knappen T-Shirt die ganze Zeit herumspaziert und die tief hängenden Schilder neben den Bildern liest.
22.04.09
Meine Gutenachtgeschichte
Obwohl ich ja eine alte, runzlige Dame bin, mit dickem Krötenbauch und knorrigen Händen, gibt es immer noch Männer, die sich wie Eidechsen entzückt zu meinen Füssen kringeln. Heute zum Beispiel der Steuerberater, der praktisch nichts für seine Arbeit wollte und sagte: "Ich mache das doch gern."
Wenn ich die Eidechsen frage, was sie sich wünschen, dann züngeln sie ganz aufgeregt, schliessen ihre Augen zu einem schmalen Schlitz. Sie züngeln nachdenklich, weil Eidechsen mit der Zunge denken, tapsen mit ihren Echsenfüssen auf der Stelle und überlegen so, was sie denn wollen.
"Wollt ihr Ameiseneier?", sage ich dann, und die Eidechsen züngeln und rufen:
"Ja! Ameiseneier, woher weisst du eigentlich so genau, was wir uns wünschen?"
Dann nehme ich meine geheime Schachtel mit den Ameiseneiern hervor und werfe ein paar Handvoll Ameiseneier auf den Boden. Dann flitzen die Echsen von Ei zu Ei, wuseln durcheinander, fressen alles auf und kräuseln sich vor Glück.
Wenn ich die Eidechsen frage, was sie sich wünschen, dann züngeln sie ganz aufgeregt, schliessen ihre Augen zu einem schmalen Schlitz. Sie züngeln nachdenklich, weil Eidechsen mit der Zunge denken, tapsen mit ihren Echsenfüssen auf der Stelle und überlegen so, was sie denn wollen.
"Wollt ihr Ameiseneier?", sage ich dann, und die Eidechsen züngeln und rufen:
"Ja! Ameiseneier, woher weisst du eigentlich so genau, was wir uns wünschen?"
Dann nehme ich meine geheime Schachtel mit den Ameiseneiern hervor und werfe ein paar Handvoll Ameiseneier auf den Boden. Dann flitzen die Echsen von Ei zu Ei, wuseln durcheinander, fressen alles auf und kräuseln sich vor Glück.
21.04.09
20.04.09
19.04.09
18.04.09
Das Blatt in der Liebe
Ab 18. April, wenn die Venus wieder vorwärts läuft und vorübergehend ins Sternzeichen Fische zurückkehrt, was bedeutet, dass wir von Gefühlen regelrecht überschwemmt werden könnten, wendet sich das Blatt in der Liebe.
21.02.09
18.02.09
Meine neuen Arbeitskolleginnen
Meine neuen Arbeitskolleginnen haben immer noch einen Höllenrespekt vor mir. Ich kann machen, was ich will. Ich unterhalte mich mit ihnen sogar über Horoskope, Veganerei und Tantra-lala. Heute habe ich ihnen meine bewährte Massai-Kur ans Herz gelegt:
Blutkuchen zum Frühstück essen, und sich dann mit Rinderurin die Haare waschen.
Sie lieben mich insgeheim.
Blutkuchen zum Frühstück essen, und sich dann mit Rinderurin die Haare waschen.
Sie lieben mich insgeheim.
16.02.09
Meine neuen Nachbarn unten
Meine neuen Nachbarn unten teilen mir und der gesamten Schlaf suchenden Nachbarschaft nachts mit, dass Sex mit zunehmender Lautstärke besser wird. Ungefähr dann, wenn es ziemlich gut ist, wache ich für gewöhnlich auf. Sie tun es beharrlich und leider hochgradig variationslos. Oder zum Glück, denn es wäre undenkbar an Schlaf zu denken, würden sie sich laut keuchend die Schweinereien zuraunen, die ich mir zum Zeitvertreib für sie ausdenke. Aber so ziehe ich das Kissen über den Kopf und schlafe wieder ein.
15.02.09
Mein neuer Mitbewohner
Mein neuer Mitbewohner isst immer zuerst das alte Brot auf, bevor er das Neue anschneidet.
Ich mache das nie. Ich esse das frische Brot zuerst.
Er rührt es auch dann, wenn ich ihm auf einen Frühstückstischzettel schreibe: ‚Iss ruhig das frische Brot zuerst', nicht an, solange noch Altes da ist. Er hat seine Prinzipien.
Ich mache das nie. Ich esse das frische Brot zuerst.
Er rührt es auch dann, wenn ich ihm auf einen Frühstückstischzettel schreibe: ‚Iss ruhig das frische Brot zuerst', nicht an, solange noch Altes da ist. Er hat seine Prinzipien.
06.02.09
17.01.09
Wie die Bilder von uns gehn
... Ein Kuss auf der Strasse, auf den Mund. Es machte mir nichts aus, dass die Leute schwatzend vorbeigingen und schauten, und ein stiller Passant schmunzelte. Es ging ein leichter Wind und ich wollte all dies. Ich wollte dieses schöne Bild.
Er hielt mich, locker, bequem in seinen Armen, und da war diese elektrische Spannung, dieses Knistern, kurz bevor unsere Münder sich berührten. Ich tastete mit den Lippen seinen Mund ab, seine Lippen fügten sich, warm und weich und duftend. Die Zungenspitzen suchten einander, meine Finger an seiner Wange. Unsere Zungen, die sich fanden, umeinander drehten, miteinander spielten, rauften und balgten und einander stupsten. Wie weich und warm sein Mund war. Herzklopfen. Unsere Körper näher, warm werdend, sehr warm, erregt und vergnügt und glücklich. Innerlich jubelnd. Genuss, Genuss überall. Ein Kuss ins Gefühl. Fühlen und gleichzeitig alles und nichts mehr wahrnehmen. Nur noch seine warmen Lippen auf meinem Mund, ganz drauf, und seine neugierige verwöhnsüchtige Zunge.
Raum und Zeit lösten sich auf in diesem Kuss, in dem soviel Leidenschaft, soviel Lust, soviel Gieren nach Köstlichkeit und Befriedigung lag...
Er hielt mich, locker, bequem in seinen Armen, und da war diese elektrische Spannung, dieses Knistern, kurz bevor unsere Münder sich berührten. Ich tastete mit den Lippen seinen Mund ab, seine Lippen fügten sich, warm und weich und duftend. Die Zungenspitzen suchten einander, meine Finger an seiner Wange. Unsere Zungen, die sich fanden, umeinander drehten, miteinander spielten, rauften und balgten und einander stupsten. Wie weich und warm sein Mund war. Herzklopfen. Unsere Körper näher, warm werdend, sehr warm, erregt und vergnügt und glücklich. Innerlich jubelnd. Genuss, Genuss überall. Ein Kuss ins Gefühl. Fühlen und gleichzeitig alles und nichts mehr wahrnehmen. Nur noch seine warmen Lippen auf meinem Mund, ganz drauf, und seine neugierige verwöhnsüchtige Zunge.
Raum und Zeit lösten sich auf in diesem Kuss, in dem soviel Leidenschaft, soviel Lust, soviel Gieren nach Köstlichkeit und Befriedigung lag...
12.01.09
Unterwegs 4
Und ich erinnere mich. Erinnere mich an die Zeit, als ich mit einer Schafherde unterwegs war, Winter für Winter. Es war eine Winterwanderung wie jetzt. Aber ich ging im Rhythmus der Tiere. Sie wollten bleiben und fressen. Und wenn die Weiden abgegrast waren, zogen wir weiter.
Seit ich sesshaft bin, reise ich. Ich reise, weil ich die Menschen und Gegenden sehen will, über die ich gelesen habe, von denen ich gehört habe, von denen ich geträumt habe. Ich war als Schäferin all die Jahre unbeweglich und träumte die Welt. Ich war immer bei der Herde. Der Rhythmus der Tiere war die eigentliche Bewegung.
Nomaden reisen nicht, sagt Gilles Deleuse (L'Abécédaire V comme voyage). Nomaden wollen auf ihrem Boden bleiben. Sie klammern sich an ihren Boden. Nichts ist unbeweglicher als ein Nomade, sagt er. Nichts reist weniger als ein Nomade. Sie sind Nomaden, weil sie nicht verlassen wollen. Ihr Boden verwüstet, weil sie sich daran festbeissen.
Deleuse fügt an, dass Leute reisen um ihren Vater zu finden.
(Das ist vermutlich der Beweggrund der meisten Globetrotter, die ich kenne. Sie reisen immer wieder.)
Die Frage ist, ob ein Leben ausreicht um das zu finden, wonach man sein ganzes Leben sucht.
Seit ich sesshaft bin, reise ich. Ich reise, weil ich die Menschen und Gegenden sehen will, über die ich gelesen habe, von denen ich gehört habe, von denen ich geträumt habe. Ich war als Schäferin all die Jahre unbeweglich und träumte die Welt. Ich war immer bei der Herde. Der Rhythmus der Tiere war die eigentliche Bewegung.
Nomaden reisen nicht, sagt Gilles Deleuse (L'Abécédaire V comme voyage). Nomaden wollen auf ihrem Boden bleiben. Sie klammern sich an ihren Boden. Nichts ist unbeweglicher als ein Nomade, sagt er. Nichts reist weniger als ein Nomade. Sie sind Nomaden, weil sie nicht verlassen wollen. Ihr Boden verwüstet, weil sie sich daran festbeissen.
Deleuse fügt an, dass Leute reisen um ihren Vater zu finden.
(Das ist vermutlich der Beweggrund der meisten Globetrotter, die ich kenne. Sie reisen immer wieder.)
Die Frage ist, ob ein Leben ausreicht um das zu finden, wonach man sein ganzes Leben sucht.
10.01.09
Unterwegs 3
Ich gehe und frage mich. Frage mich, wie die Menschen leben. Wie man das Leben unter diesen und jenen Umständen ertragen kann. Frage mich beispielsweise auch, wie die Milchkontingentierung funktioniert. Oder wie man foie gras kocht, mit gedörrten Feigen und Rosinen.
Ich schaue, was mir begegnet und träume vor mich hin.
Frage mich, wie es wäre, wenn mein Traum plötzlich leibhaftig vor mir stünde. Die Wahrscheinlichkeit einer Enttäuschung im Falle eines wahrgewordenen Traumes ist proportional zu der Zeit, die man damit verbracht hat sich in den Traum hineinzusteigern. Das habe ich irgendwo mal gelesen. Also ist Enttäuschung gleich Zeit mal Traum im Quadrat.
Ich erzähle mir Geschichten auf französisch.
Frage mich, wie man mit Tauben jagt.
Oder wie man Brieftauben dazu bringt, ein bestimmtes Ziel anzufliegen.
Frage mich, wie vin noir schmeckt.
Ganz oft begleitet mich eine Musik. Ein Lied.
Die ganze Zeit bin ich guten Mutes und geniesse das Alleinsein. Ich schaue hier und gucke dort. Und habe keine Sorgen. Die schöne Art zu leben. Das Alleinsein geniessen heisst, dass ich schöne Dinge sehe und schöne Gedanken habe und mir niemand wünsche, der das alles mit schön findet.
Unterwegs 2
Ich habe Glück. Es ist Winter und die Pilgerer sind nicht unterwegs. Die Herbergen sind leer. Seit drei Wochen habe ich unterwegs keine einzige Menschenseele angetroffen. Das ist enormes Glück. Und Gehen ist insgesamt gut für das Leben. Es bringt neue Ideen. Fokussiert. Ich kann es allen empfehlen mindestens 600 km am Stück zu gehen.
Es ist wichtig, dass Menschen Dinge erfahren.
"Erfahrung ist wertvoller als Einsicht" lese ich zufällig gerade hier in einer französischen Zeitschrift. Habe keine Bücher dabei und lese alles, was mir in die Hände kommt. Ein Essay von Gaétan Picon über Balthus. Gaétan, dieser Name... Erfahrungen sind wertvoll. Oder wie Coelho wahrscheinlich sagen würde: Man muss selber im Regen stehen um zu erfahren wie es ist, nass zu sein.
Der Vorteil des Pilgerweges ist, dass man alle zwanzig oder dreissig Kilometer auf eine Herberge trifft, die in dieser Jahreszeit zwar geschlossen ist, aber dann doch ein Bett bereithält. Der Nachteil ist, dass man die alten, einsamen und liebesbedürftigen Herbergsmütter, oder noch schlimmer, unglückliche Paare, die sich auf dem Pilgerweg getroffen und zusammen Pilgerherbergen eröffnet haben, und noch immer im Regen stehen und nur so triefen vor Lösungen, mit müden Ausreden abwimmeln muss.
Aber man kann auch der einzige Gast in Hotels wie diesem hier sein und mit der Besitzerin, einer kleinen, distinguierten alten Dame einen Armagnac trinken.
Es ist wichtig, dass Menschen Dinge erfahren.
"Erfahrung ist wertvoller als Einsicht" lese ich zufällig gerade hier in einer französischen Zeitschrift. Habe keine Bücher dabei und lese alles, was mir in die Hände kommt. Ein Essay von Gaétan Picon über Balthus. Gaétan, dieser Name... Erfahrungen sind wertvoll. Oder wie Coelho wahrscheinlich sagen würde: Man muss selber im Regen stehen um zu erfahren wie es ist, nass zu sein.
Der Vorteil des Pilgerweges ist, dass man alle zwanzig oder dreissig Kilometer auf eine Herberge trifft, die in dieser Jahreszeit zwar geschlossen ist, aber dann doch ein Bett bereithält. Der Nachteil ist, dass man die alten, einsamen und liebesbedürftigen Herbergsmütter, oder noch schlimmer, unglückliche Paare, die sich auf dem Pilgerweg getroffen und zusammen Pilgerherbergen eröffnet haben, und noch immer im Regen stehen und nur so triefen vor Lösungen, mit müden Ausreden abwimmeln muss.
Aber man kann auch der einzige Gast in Hotels wie diesem hier sein und mit der Besitzerin, einer kleinen, distinguierten alten Dame einen Armagnac trinken.
09.01.09
Unterwegs
Ich bin auf einen Pilgerweg geraten. Leider gibt es keine Spazierwege in Südfrankreich auf dem Land. Nur asphaltierte Strassen oder Schlammspuren. Franzosen fahren halsbrecherisch und nehmen keine Rücksicht auf Fussgänger. Also bleiben nur die Schlammwege, welche von Berlin, Paris, Wien und Rom in Südfrankreich gebündelt nach Spanien führen.
Nun sind Pilgerwege für viele Menschen bedenkenlos, aber für mich sind sie ein Gräuel. Ich mag keine Wege gehen, welche tausende von Sinn und sich selbst Suchenden gegangen sind. Horden von genussfeindlichen, angespannten, grauhaarigen, Tagebuch schreibenden, leidenden, religiösen oder kontaktgeilen, in eine Richtung strömenden Egoisten, die Zeichen suchen, und ihre Leere mit Lebensweisheiten, Sprüchen und Antworten füllen. Glauben Sie mir, was ich in Gästebüchern von Pilgerherbergen gelesen habe ist grauenhaft. Und alle bekommen von allen Antworten, auch wenn sie die Fragen nie kannten. Es ist, als würde man einen Paulo Coelho Roman lesen.
Ich habe es nie geschafft, einen Coelho zu lesen. Obwohl mir der Alchemist bestimmt zehn Mal geschenkt wurde. So sind die Leute: Sie lieben Lösungen. Es ist ein Buch voller Lösungen. Nach den drei ersten Abschnitten wurde mir so übel, dass ich es wegwerfen musste.
20.12.08
19.12.08
...
Ich habe einen Monat Zeit und drei Optionen:
Erstens: Berlin. Berlin ist insgesamt unglaublich verlockend. Aber dort trinke ich zu viele Cocktails. Und nicht nur das: Ich schlafe nicht, ich tanze, küsse und gerate in Turbulenzen. Es schleudert mich durch alle gefühlten und verboten schönen Nächte. Danach kommen immer die Aufräumarbeiten. Ich muss Berlin meiden. Vergessen.
Vergessen kann ich Berlin nur, wenn ich mich verliebe. Verlieben kann man sich auch im Internet. Meine lesbische Kollegin hat im Internet ganz seriös eine wunderbare Freundin gefunden. “Seriös, Minka,” sagt sie, “da hüpft man nicht gleich beim ersten Date, so wie du dir das wahrscheinlich gewohnt bist, ins Bett.” Das sind wörtlich ihre Worte. Sie schätzt mich ganz falsch ein. Ich bin nicht so. Ich hüpfe nicht ins Bett. Ich lege mich aufs Bett, spreize die Beine und sage fick mich. Das Problem ist, dass ich keine Kreditkarte habe. Ohne Kreditkarte kann man im Internet keinen Mann kennen lernen. Ich meine einen seriösen Mann.
Fiona hat eine Kreditkarte und sucht gerade einen Mann für sich. Sie hat auch schon ein paar Männer für mich entdeckt. Zum Beispiel einen Account Manager, der zu 89 % zu mir passt. Diese Kongruenz sei phänomenal, sagt sie. Auf dem kleinen Foto lächelt ein rundes Gesicht mit Schnauz.
„Der sieht wie Papa Moll aus,“ sage ich und schlucke leer.
„Bei dieser Übereinstimmung kannst du ruhig über Äusserlichkeiten hinwegsehen,“ sagt sie. „Ich bin nie über 70 % matchingpoints gekommen.“
„Matching was?“
„Keine Ahnung, was das bedeutet,“ sagt sie.
„Oh when the saints, go matching in....“
„Es heisst marching in,“ sagt sie. Marching.
Marching ist auch genau die dritte Option. Ich marschiere los. Ich gehe auf Reisen. Am liebsten würde ich die Prinzeninseln vor Istanbul bereisen, oder nach Dänemark fahren, Rumänien wäre auch nach meinem Geschmack, aber es ist die falsche Jahreszeit dafür.
Südfrankreich? Da wäre es milder. Was mich auch reizen würde ist der Jurahöhenweg, von Basel nach Genf. Zu Fuss. Aber da liegt gerade so viel Schnee. Mal sehen.
Erstens: Berlin. Berlin ist insgesamt unglaublich verlockend. Aber dort trinke ich zu viele Cocktails. Und nicht nur das: Ich schlafe nicht, ich tanze, küsse und gerate in Turbulenzen. Es schleudert mich durch alle gefühlten und verboten schönen Nächte. Danach kommen immer die Aufräumarbeiten. Ich muss Berlin meiden. Vergessen.
Vergessen kann ich Berlin nur, wenn ich mich verliebe. Verlieben kann man sich auch im Internet. Meine lesbische Kollegin hat im Internet ganz seriös eine wunderbare Freundin gefunden. “Seriös, Minka,” sagt sie, “da hüpft man nicht gleich beim ersten Date, so wie du dir das wahrscheinlich gewohnt bist, ins Bett.” Das sind wörtlich ihre Worte. Sie schätzt mich ganz falsch ein. Ich bin nicht so. Ich hüpfe nicht ins Bett. Ich lege mich aufs Bett, spreize die Beine und sage fick mich. Das Problem ist, dass ich keine Kreditkarte habe. Ohne Kreditkarte kann man im Internet keinen Mann kennen lernen. Ich meine einen seriösen Mann.
Fiona hat eine Kreditkarte und sucht gerade einen Mann für sich. Sie hat auch schon ein paar Männer für mich entdeckt. Zum Beispiel einen Account Manager, der zu 89 % zu mir passt. Diese Kongruenz sei phänomenal, sagt sie. Auf dem kleinen Foto lächelt ein rundes Gesicht mit Schnauz.
„Der sieht wie Papa Moll aus,“ sage ich und schlucke leer.
„Bei dieser Übereinstimmung kannst du ruhig über Äusserlichkeiten hinwegsehen,“ sagt sie. „Ich bin nie über 70 % matchingpoints gekommen.“
„Matching was?“
„Keine Ahnung, was das bedeutet,“ sagt sie.
„Oh when the saints, go matching in....“
„Es heisst marching in,“ sagt sie. Marching.
Marching ist auch genau die dritte Option. Ich marschiere los. Ich gehe auf Reisen. Am liebsten würde ich die Prinzeninseln vor Istanbul bereisen, oder nach Dänemark fahren, Rumänien wäre auch nach meinem Geschmack, aber es ist die falsche Jahreszeit dafür.
Südfrankreich? Da wäre es milder. Was mich auch reizen würde ist der Jurahöhenweg, von Basel nach Genf. Zu Fuss. Aber da liegt gerade so viel Schnee. Mal sehen.
17.12.08
Warum ich keine Träume erzähle
Ich träumte von einem Mann mit zwei Schwänzen. Es sah ganz und gar nicht abartig aus, im Gegenteil. Ich wusste, dass das manchmal vorkommt, also quasi normal ist, wie... Zwillinge. Diese verworrene, unfassbare Traumlogik. Und ich freute mich, dass ich dieses Doppelglück für mich hatte, einen vorzüglichen zweischwänzigen Mann mit allem drum und dran.
Ich träumte das sicherlich, weil ich gestern Abend einen Pornoausschnitt gesehen hatte mit zwei Frauen, die sich zusammen erstklassig um einen Schwanz kümmerten.
Mein junger Mann im Traum hatte zwei Schwänze für solche Fälle.
Ich träumte das sicherlich, weil ich gestern Abend einen Pornoausschnitt gesehen hatte mit zwei Frauen, die sich zusammen erstklassig um einen Schwanz kümmerten.
Mein junger Mann im Traum hatte zwei Schwänze für solche Fälle.
15.12.08
c'est chic le fric
Erst als ich an der Kasse die drei Einkaufstüten voll gepackt hatte, realisierte ich, dass ich die gar nicht tragen konnte. Draussen vor dem Laden überlegte ich, was nun. Vor allem im Hinblick auf die nächsten fünfzig Jahre, das Alter. Die Einkaufstüten werden immer schwerer, so ist das nun mal. Ich dachte nach und beobachtete Frauen mit Einkaufswägelchen. Einen Einkaufswagen anschaffen kommt mir nicht in die Tüte, dachte ich. Auch keinen Trendigen, mit rosafarbenen Blumen auf orangenem Hintergrund. Auch keinen Korb auf Rädern, wie diese naturkostende Frau einen hatte. Ich hasse Einkaufswagen noch mehr als Rollkoffer.
Schliesslich habe ich einen Teenager angequatscht und ihm einen Batzen versprochen, wenn er mir meine Einkaufstaschen nach Hause trägt. 5 Fr. um genau zu sein. Er nahm die Tüten und stapfte neben mir her, die gute Tat in seinen Händen, sein Tempo auf mich abgestimmt. Ich trug meine Handtasche und ein schickes Lächeln. Ich habe mich noch nie so glücklich alt gefühlt wie in diesem Moment.
Schliesslich habe ich einen Teenager angequatscht und ihm einen Batzen versprochen, wenn er mir meine Einkaufstaschen nach Hause trägt. 5 Fr. um genau zu sein. Er nahm die Tüten und stapfte neben mir her, die gute Tat in seinen Händen, sein Tempo auf mich abgestimmt. Ich trug meine Handtasche und ein schickes Lächeln. Ich habe mich noch nie so glücklich alt gefühlt wie in diesem Moment.
14.12.08
13.12.08
10.12.08
Es schneit ununterbrochen
Auf der gegenüberliegenden Strassenseite schaufelt Fredi Schnee. Er haut mit der Schaufel auf die Büsche ein, damit der Schnee runter fällt. Er schlägt richtig wild auf die armen Büsche ein. Dann schaufelt er noch mehr Schnee zusammen. Raucht dabei seinen Stumpen. Er könnte auch Heinz oder Erwin heissen. Er sieht aus wie ein Rentner, der einen beigegrauen Volvo in der Garage stehen hat und Alfred heisst.
Im Sommer fegt er täglich vereinzelte, verloren gegangene Blätter zusammen, im Herbst das fette Herbstlaub. Er macht es mit der peniblen Gründlichkeit eines Schweizer Rentners. Aber wenn Sie mich fragen, geht es ihm nicht um Sauberkeit.
Es ist sein Ritual. Seine Flucht. Er hat eine halbe Stunde lang Ruhe vor seiner Frau und kann seinen Stumpen rauchen.
Im Sommer fegt er täglich vereinzelte, verloren gegangene Blätter zusammen, im Herbst das fette Herbstlaub. Er macht es mit der peniblen Gründlichkeit eines Schweizer Rentners. Aber wenn Sie mich fragen, geht es ihm nicht um Sauberkeit.
Es ist sein Ritual. Seine Flucht. Er hat eine halbe Stunde lang Ruhe vor seiner Frau und kann seinen Stumpen rauchen.
07.12.08
mein Sonntag
Den ganzen Tag damit verbracht, einen Rechnungsfehler zu finden: Die Studentin, die den Businessplan verfasst hat, errechnete für 2009 einen spektakulären Umsatz von circa Fünfeinhalbmillionen Franken. Nach vier Stunden Überlegen wusste ich, wo der Hase im Pfeffer lag: Sie hatte ein paar kleine Denkfehler gemacht. Und nach weiteren zwei Stunden hatte ich die Scharte ausgewetzt. Wissen Sie, woher die Redewendung mit der Scharte auswetzen kommt? Vom Schleifen der Sense mit dem Wetzstein. Man schleift sozusagen die Unebenheiten an der Schnittkante aus, bis sie wieder messerscharf ist. Meine scharfen Berechnungen schnitten darauf auch gleich ein paar Millionen Franken ab. Trotzdem kann ich mir in den nächsten Jahren ein paar lustige Franken verdienen, wenn ich will.
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