19.05.06

Der Reiz des Aufsparens

Meine Freundin Zhu sagte noch: Minka, du musst den Braten essen, wenn er heiss ist.
Man kann sich aber auch die Zunge verbrennen, wenn man zu gierig isst, dachte ich.
Ich wollte ihn mir lieber für später aufsparen. Für nachher. Wenn es mit dem jungen Liebhaber zu Ende ist.
Doch manchmal, wenn man sich zu lange etwas aufspart, verschwindet es plötzlich. Oder man verliert es. Es kann auch bedeutungslos werden. Oder völlig aus der Mode kommen, wie das seidene Kleid, das ich vor zwanzig Jahren in Paris gekauft hatte. Ich nannte es mein Chagall-Kleid, weil es wie das Blau der Chagall-Fenster im Zürcher Fraumünster leuchtete. Ich sparte es für eine ganz besondere Gelegenheit auf, die aber nie kam. Dann, als es plötzlich besondere Gelegenheiten gab, war es démodé.
Ich sparte mir als Kind auch das Ei auf dem Teller bis zuletzt auf, und ass zuerst tapfer die Kartoffeln und den Spinat. Dann kam immer das beste am Schluss. Damit kann man erstmal weiterleben. Aufsparen hat eben schon seinen Reiz. Ich könnte sogar ganz genau sagen, was für ein herrlicher Reiz im Aufsparen liegt. Aber der Reiz hat es gerade mit mir verspielt. Es kann eben auch daneben gehen.
Und nun ist er weg, er, den ich mir für später aufsparen wollte. Verschwunden.

Garcia Marquez schreibt irgendwo - wenn ich mich recht erinnere - dass es im Leben nur eine begrenzte Anzahl an Fickmöglichkeiten gibt. Nimmt man sie nicht wahr, gehen sie unwiederbringlich verloren.
Wobei ich unwiederbringlich in diesem Zusammenhang weder bedrohlich noch traurig finde. Eher die begrenzte Anzahl beunruhigt mich ein wenig.

Kommentare:

  1. Aber alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, Madame.

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  2. Haben Sie den Film nicht gesehen? Männer sind wie Busse - es kommt immer wieder einer.

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  3. das ist ein filmtitel?
    ;-)
    hahahahaha
    monsieur, sie sind wirklich sehr sehr schlau! ich mag ihren humor immer mehr.

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  4. Nicht doch, schlau ... Oben das ist Faust II, eine der letzten paar Zeilen, unten spricht hingegen einfach der Volksmund. Dieser Satz stammt aus einem Schweizer Film dieses Jahres. Ich hab leider den Tietel vergessen.

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  5. Ich mag Kino, aber ich habe noch nie das Bedürfnis gehabt, mich in der trostlosen Beliebigkeit behaglich einzurichten. Ich möchte einfach klarzustellen - ich sprach von Leckerbissen, monsieur.

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