02.02.12

Meine neuen Arbeitskolleginnen

Kaffeepause. Wir sitzen im Café und lesen einander die Sprüche unserer Zuckertüten vor. Und landen beim Thema Heiraten. Drei haben nie geheiratet. Die vierte sagt, dass sie einen secondhand Mann geheiratet hat. Frage mich, warum sie das so sagt. Sie hilft mir auf die Sprünge: "Ein Mann aus zweiter Hand, verstehst du, er war schon einmal verheiratet". Ich nicke, obwohl ich noch nicht ganz verstehe. Sehe die erste Frau vor mir, wie sie den Mann aus der Hand gibt. Wie ein Buch. Wie heisst es bei den antiquarischen Büchern noch: mit stärkeren Gebrauchs- und Alterungsspuren und kleinen Schäden. Ob sie das gemeint hat?
"Warum hast du nie geheiratet?", unterbricht eine Kollegin mein Nachdenken.
"Ich fand heiraten spiessig", sage ich.
"Hattest du nie den Wunsch, ein Hochzeitskleid zu tragen, Braut zu sein..."
"Nein. Ich war früher nicht so romantisch. Heute schon."
"Und wie ist es bei dir?", frage ich zurück.
Die Kollegin erzählt, dass sie zwanzig Jahre in Tschad gelebt hat, Entwicklungshilfe, keinen passenden Mann gefunden hat, ein ausreichend ausgefülltes und beschäftigtes Leben hatte und das Eheleben nicht vermisste.
Ich sehe sie an, und mir fällt ein, dass sie wie eine Frau aussieht, die nie Sex hatte. Überlege, warum man das einer Frau ansieht. Man sieht einer Frau ja auch an, wenn sie Sex hatte. Denke an diesen weichen Glanz der Lüsternheit in den Augen, an das Losgelöste in den Bewegungen, das gewisse Timbre in der Stimme, kann aber nicht zu Ende denken, weil ich die dritte Kollegin gerade sagen höre: "...und dachte immer, dass er eigentlich nicht der Richtige ist. Und so haben wir nie geheiratet. Jetzt sind wir zwanzig Jahre zusammen."

Kommentare:

  1. Ich hoffe ja immer, dass die, die so aussehen, es eigentlich ganz faustdick hinter den Ohren haben. Oder sonstwo.

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  2. das leben flutscht einem häufig durch die finger und mache erfreuen sich daran.

    der astronaut

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