21.05.12

Frauenherz Teil 2

Gestern war unser erstes Date. Sozusagen ein Blinddate, weil wir nur diesen einen Blick in Erinnerung hatten, aber nicht wie wir aussahen.  Ich war verlegen, und nervös, und versuchte das Weinglas nicht umzukippen und die Hände auf dem Tisch zu behalten. Er sass ruhig da und sah mich unverwandt an, hörte mir zu, unterbrach mich nicht, manchmal schwieg er, weil ich Unsinn erzählte. Er redete offen, wie zu einer Vertrauten, verschwieg mir nichts.
Wir könnten immerhin gute Freunde werden, dachte ich, während er von seiner Familie erzählte. Aber abgesehen von den Gelegenheiten, bei denen ich ihm kumpelhaft zuprostete, wollte ich ihn immerzu nur küssen.
Es könnte eine Affäre werden, dachte ich. Aber Affären enden immer mit Liebeskummer. Eine der drei beteiligten Personen ist am Ende immer verletzt. Auch wenn alle Beteiligten einverstanden sind und mit der Situation umzugehen wissen. Weil sich Gefühle nicht an Vereinbarungen halten.
Als wir uns verabschiedeten, küsste er mich links und rechts auf die Wangen, vielleicht eine Spur zu innig. Dicke, weiche Wangenküsse, die er wie Bettkissen auf ein Louis Philippe Sofa platzierte. Wie gut er riecht, dachte ich, und mir fiel ein, wie sehr mein Verlangen nach diesem Geruch hungerte.  In dem Moment überkam mich Angst, oder Traurigkeit, denn mir wurde klar, dass unsere Geschichte die Nahrung dieses hungrigen Tieres sein würde. Und das wollte ich nicht.

20.05.12

Ruhe. Distanz. Genuss.

Wien und Burgenland. Zwei Wochen.

15.05.12

... und immer wieder die Verblüffung darüber, was ein einzelnes Papiertaschentuch in der Wäsche anrichten kann.
Wobei das Immerwieder mir schon auch zu denken gibt.

06.05.12

Frauenherz

Mein erster Gedanke beim Aufwachen ist: Samstag, wie schön. Ich kann liegen bleiben. Unter der Bettdecke duftet es warm. Draussen lockt die Frühlingssonne. Ich entscheide mich fürs Liegenbleiben. Denke an diesen Mann. Ich sass mit meiner Freundin in ihrer Küche und sah ihn nur kurz im Türrahmen stehen. Kein besonders schöner Mann. Aber er hatte besondere Augen und ich spürte, wie ich mich auf der Stelle verliebte. Ich fragte meine Freundin, wer er war. Sie sah mich an und wusste sofort Bescheid. Sie sagte mir, dass sie meinen Geschmack immer weniger verstand. "Er hat was", sagte ich, aber ich wusste nicht was. Am nächsten Tag berichtete sie mir, dass er nach meiner Telefonnummer gefragt hatte. Das sind so Augenblicke im Leben, in denen eine ersehnte Chance unerwartet wie ein Wirbelsturm durch den Körper saust, ein riesen Durcheinander im Herzen anrichtet und Gänsehaut hinterlässt. Wie schön, dachte ich. 
"Und was sagst du", meinte meine Freundin, "darf ich ihm deine Nummer geben?"
"Wie schön", sagte ich benommen, und etwas anderes fiel mich nicht ein. 
"Du kannst es dir ja überlegen", sagte sie rücksichtsvoll. Ich kann nicht überlegen. Auch in meinem Kopf ist nichts mehr an seinem Platz. Jetzt liege ich im Bett und denke an diesen Mann. Hilfe schreit es in mir.
Stehe auf und hänge die Bettdecke zum Lüften über den Fenstersims. Dann gehe ich auf den Markt und kaufe vier Tomaten Pflänzchen und ein Tränendes Frauenherz. Zu Hause pflanze ich das Frauenherz in den Garten. Die Nachbarin kommt dazu und erzählt, dass sie von ihrer Mutter ein Tränendes Herz zur Hochzeit bekommen hatte. Nach ihrer Scheidung sei die Pflanze eingegangen. Das ist Zufall, sage ich. Aber das Tränende Frauenherz sah das sicher anders.
Oben im Schlafzimmer ist das Fenster noch immer offen. Die Bettdecke riecht jetzt nach Frühlingssonne. Ich breite sie über das Bett aus und freue mich schon jetzt auf sie.

23.04.12

Das liebe Buch

Die Frau im Tram liest die letzte Seite in ihrem Buch. Sie blickt, noch ganz im Ende versunken, aus dem Fenster und lächelt flüchtig. Dann streicht sie mit flacher Hand über den Buchdeckel, über den Titel und das Bild, wie ein Lob, das man mit der Hand über den Kopf eines braven Kindes streicht.

18.04.12

So schön, die Offenheit der Kinder

Die drei Mädchen, die auf einer Bergwiese Löwenzahn pflücken. Sie bemerken, dass ich sie beobachte. Es befremdet sie. "Na, pflückt ihr Blumen?" rufe ich ihnen vom Weg aus zu. Sie strahlen mich an, rennen auf mich zu und zeigen mir die Sträusse.

17.04.12

Hauptsache wir verstehen uns

Die Angewohnheit einiger Leute, im Gespräch dauernd den Konsens zu finden. Vielleicht ist man auch mehr oder weniger begabt dafür. Es hält zumindest die Illusion aufrecht, verstanden zu werden. Diese Zustimmungen, mit platten, übernommenen Ansichten: "Ja, ich finde Krieg auch schlimm", oder "ja ja, man nimmt sich überall selber mit." Mir nimmt es die Lust zu reden.

15.04.12

Anschauungsvermögen

Bei der neuen Nachbarin oben quietscht das Sofa verdächtig rhythmisch. Sicher ein Louis Philippe Sofa mit beigem Überzug. Zuerst quietscht es in kleinen Abständen, dann in sehr kleinen.
Doch das ist gelogen. Ihnen brauche ich ja nichts zu erzählen. Ich stelle mir nicht das Sofa vor.

14.04.12

Verlorene Visionen

Männer, die sich für Fussball interessieren, haben den Glauben an Utopien verloren. Aus Mangel an tatsächlichen Visionen versuchen sie das beste aus dem Mist zu machen, den sie vorfinden.
Dasselbe trifft auf Frauen zu, die nur noch Krimis lesen.

01.04.12

Frühlingsputz, Entrümpeln und Entsorgen

Beginne mit der Handtasche:
Nagelfeile, ein Pflaster, Kugelschreiber, Agenda, Schlüsselbund ohne Anhänger, Münzen (Rappen und Cents), ein Taschenhalter, eine Gartenschere, ein Meterband, Handcreme (Marke Neutrogena), ein Portemonnaie aus Aalleder, ein mon cheri, Ricola Zitronenmelissebonbons, ein Lipgloss (Marke unleserlich), Visitenkarten, eine Tafel Schokolade (Lindt), ein Victorinox, vollgekritzelte Notizzettel, ein Kondom (Marke Okeido, vermutlich abgelaufen), ein Kreuzschraubenzieher, eine Glock (natürlich nicht, kleiner Scherz), eine Zahnbürste, Taschentücher, eine Halskette aus Flussperlen, eine kleine Schere, vier USB Sticks, ein Tampon, ein ausgerissener Artikel über Noroviren.

26.03.12

Frühlingsgartengedanken

Nach der Gartenarbeit noch sitzen bleiben. Ruhig. Zufrieden.
Die Gedanken schweifen über die Beete, was wann und wo blühen wird im Sommer.
Ob die herrische Gewürztagestes, die letztes Jahr die Kapuzinerkresse so eingeschüchtert hat, mit der leichtfüssigen Kornblume auskommen wird?
Oder besser Mohn zu der Kornblume setzen, um sie zu beruhigen.?
Und ob die gesellige, heimische  Ringelblume auch mit der mexikanischen Agastache Freundschaft schliessen wird?
Und warum verbreitet das Veilchen gerade so unverschämt ihren lieblichen Duft?

20.03.12

Ich erhitzte Öl in der Pfanne, nahm zwei fingerdicke Lendenstücke eines Lamms, rieb sie mit Salz ein und legte ins hoch erhitze Öl, ohne sie zu bewegen, ohne sie auch nur zu berühren, und briet sie auf hoher Flamme eine Minute von jeder Seite. Nach genau zwei Minuten nahm ich die Pfanne vom Herd, legte die Lendenstücke auf einen Teller und verteilte frisch gemahlene Pfefferkörner und Rosmarin darauf. Dann goss ich, weil ich keinen Brandy hatte, ein randvolles Gläschen Madeira in die Pfanne und legte die Stücke zurück in die Pfanne. Ich liess sie weitere zwei Minuten in der Sauce ziehen, ohne dass die Sauce kocht.
Dazu reichte ich Kartoffelpüree, Salat und vierjährigen Rotwein.

18.03.12

Gesetzesfürchtige Menschen ohne Güte

Die gesetzesfürchtige, rechtschaffene Sozialarbeiterin, die denkt, sie helfe. Dabei zwingt sie den Menschen ihre Vorstellungen von einem geregelten, konformen Leben auf. Einem Leben, das Böse bestraft und Gute belohnt. Einem Leben, das man mit Regeln und Zielen in den Griff bekommt.

15.03.12

Den Bauch einziehen, oder wie wird man die Wintergefühle los

Ich sehe schlecht aus, sagen derzeit meine Freunde, aber sie meinen es nicht so. Sie meinen etwas bleich und müde. So fühle ich mich auch. Es wird Zeit, dass ich aus den Wintergefühlen rauskomme. Die behagliche Trägheit sitzt noch tief in den Knochen. Und auf einmal soll mein Körper wieder mit dem Velo zur Arbeit fahren, stundenlang im Garten die Erde lockern, hübsche Beine zeigen, und das kuschelige Pölsterchen am Bauch darf er auch nicht behalten. Er reklamiert und ist müde.
Was für die Frühlingsgefühle hilfreich ist, ist ein hübsches, kurzes Kleid. Dazu Stiefel. Das gibt den nötigen Schwung, dachte ich mir. Also schwang ich mich aufs Velo und hörte eine Naht reissen. Der Ärmel, vermutete ich. Ich kehrte um und sah den Schaden im Spiegel an: Es war nicht die Naht, das halbe Kleid war zerrissen. Ich zog mich um. Diesmal ein hübsches, teures Kleid. Nahm, um kein Risiko mehr einzugehen, die Strassenbahn zur Arbeit. Dann trank ich einen Kaffee und kleckerte das teure Kleid voll. So stand ich also mit meinem eng anliegenden Kleid den ganzen Tag vor dreissig Leuten und alle starrten auf den Kaffeefleck auf meinem Winterbauch. Ich sah nicht schlecht aus, aber etwas bleich und müde.

04.03.12

Der Duft der Erinnerung

Wie kann ich sagen, dass es vorbei ist, 
wenn Erinnerungen, wie eine Wolke aus Blüten, 
meine Gedanken benebeln.  

03.03.12

Bettgeschichten

Ich ertrage mein Bett noch immer. Obwohl wir uns seit letzter Woche ganz schön auf der Pelle liegen.

02.03.12

Leseschlafkur

Schau gut zu dir, schreiben derzeit meine Freunde im letzten Satz, bevor sie herzlich grüssen. Das tu ich: Ich liege die ganze Zeit im Bett und schaue gut zu mir. Ich lese und schlafe. Habe eine Mittelohrenentzündung.
Ich stand gestern Morgen schon um halb acht mit Ohrenschmerzen vor der Praxis meines Hausarztes. Hatte eine schlimme Nacht hinter mir.
Der Arzt setzte sich nah an mich ran, was ich nicht unangenehm fand. Aber dann nahm er ein Gerät in die Hand und ich zuckte zurück: "Tut das weh?"
"Das ist ein Otoskop", klärte er mich auf. "Damit schaue ich in Ihr Ohr, das tut nicht weh. Damit sehe ich alles, was in Ihrem Kopf vorgeht." Er schaute ins Ohr und sagte: "Das ist sehr interessant. Ich kann Ihre Gedanken lesen."
"Und was denke ich?", fragte ich.
"Sie befürchten, dass ich Ihnen Antibiotika verschreiben werde. Das tu ich aber nicht, weil Sie es nicht wollen. Das ist ein Risiko für mich", sagte er.  Er lächelte: "Ihr Zustand könnte sich noch verschlechtern, und dann stehen Sie wieder jammernd vor meiner Tür. Na ja, spätestens dann werden Sie eine Antibiotika Kur wollen."
Ich lachte.
Also hat er mir eine Im-Bett-Bleibkur verschrieben.
Ich mag meinen Hausarzt sehr. Er ist kompetent und durchschaut mich. Und er riecht immer gut.

26.02.12

Schwitzen

Ich wunderte mich, warum mir alles so schwer fiel, und ich verkatert war, obwohl ich nichts getrunken hatte. Der kratzige Hals war ein Hinweis. Und mein Frösteln. Ich spürte, dass ich krank wurde. Ich trank zwei Liter Tee mit viel Zitronensaft, legte mich ins Bett und schlief sofort ein. Ich wachte frühmorgens nassgeschwitzt auf, bezog das Bett frisch, legte mich wieder hin, schwitzte weiter und schlief durch bis zum Mittag.
Heute fühle ich mich schon besser.
Krank sein und Schwitzen ist insgesamt enorm gesund. Schwitzen im Bett ist ein tolles Gefühl. Schwitzen und Ficken ist geiler, keine Frage. Wenn ich im Bett schwitze und nicht einschlafe, habe ich immer Lust zu ficken. Ich denke nicht ans Küssen. Und nicht ans Vögeln. Nur Ficken.
Zum Ficken in der Phantasie eignen sich nicht alle Männer. Die Phantasie hat dafür eine ganz eigenwillige und unergründliche Favoritenliste. Mein Elektromonteur steht zu meinem Erstaunen unter der Sparte Ficken ganz weit oben in der Liste. Unter Küssen steht im Moment an erster Stelle der mir völlig unbekannte Mann aus dem Traum. Mein Elektromonteur ist ein etwas gedrungener, drahtiger Mann mit einem breiten Gesicht und flachen Hinterkopf. Sein Mund ist auf eine vulgäre Art weich. Er sieht aus wie ein Mann, dessen Gedanken sich nur darum drehen, seine Kundinnen, die alleine zu Hause auf seine Reparatur warten, zu ficken. Ich merke das an der Art, wie er innerlich giert und sich äusserlich beherrscht. Das ist der Faden, aus dem Phantasie gewoben wird: Als er den Schraubenzieher in seine Werkzeugkiste zurücklegt, und zu mir rüber schaut, knöpfe ich langsam meine Bluse auf. Sein Blick fickt mich bereits, als ich seitlich den Reissverschluss meines Rocks aufmache und zusammen mit der Unterhose runterziehe.
Wo war ich stehen geblieben? Heute fühle ich mich besser. Ein wenig Ohrensausen habe ich noch. Werde das Gleiche nochmals tun. Also Tee trinken und mich ins Bett legen. Und mich bis morgen schwitzend gesund schlafen.

24.02.12

Die ersten warmen Februar Tage

Der Drang die jungen Obstbäume und Himbeeren im Garten zu schneiden. Mit hochgekrempelter Ärmel Laune.

21.02.12

Die Profiteure, die abends ohne Appetit am reich gedeckten Tisch sitzen, und sich nachts schlaflos im Bett hin und her wälzen, weil draussen, dicht vor ihren Fenstern, die Geister der Verdammten hereinschauen, die keine Ruhe mehr finden, weder auf dieser Welt, noch in der jenseitigen Welt und auch in keiner anderen Welt.

20.02.12

Das Paar, das sich in den alltäglichen Momenten der Vertrautheit und Zuneigung anstatt zu küssen nur noch seltsame Blicke zuwirft.

16.02.12

Drunter und drüber

Ein mir völlig unbekannter Mann küsste mich wach.
Leider war es nur ein Traum.
Ich konnte den fremden, hübschen Mann nicht so alleine im Traum zurück lassen und nahm ihn noch bettwarm, wie er war,  hinüber in meine Phantasie. Dort küsste er mich weiter und staunte nicht schlecht, welchen Spielraum meine Phantasie ihm bot.

14.02.12

Valentinstag

Die chinesische Studentin, die jedes Mal zum Sprechen aufsteht. Die Kolumbianerin, die einfach drauflos redet, wie sie lustig ist und die Lehrerin duzt. Die Senegalesin, die sich lauthals empört und etwas Respekt für die Lehrerin von ihr verlangt. Die Chinesin, die es nicht übers Herz bringt ihre Lehrerin ohne Titel anzusprechen, und mich inzwischen nicht mehr Lehrerin Jonka, sondern standhaft Frau Lehrerin Jonka nennt. Die Eritreerin, die beim Abschied mit ihren Fingerspitzen meine Handfläche streift und ihre Hand ans Herz legt. Die Vietnamesin, die mir bei der Begrüssung die Hand mit aller Kraft zusammen presst, weil sie gelernt hat, dass ein fester Händedruck ein Zeichen der Sympathie ist. Der tibetische Mönch, der jedes Arbeitsblatt mit beiden Händen entgegen nimmt und sich dabei drei Mal verneigt. Der Indonesier, der mich manchmal nachahmt und wie ich „oh Mmmann“ sagt, oder „ge-nau“. Der schlaue Kubaner, der beim Galgenspiel bei  _ a _ _ _ t _ _ _ t a _  sofort das Wort Valentinstag erriet.

11.02.12

Wunschhütte

 
Eine Seite zum Verlieben und sich Verlieren. Eignet sich auch für ein geselliges, abendliches Ratespiel: Bei jedem Bild zuerst raten, wo die Hütte steht. Dann erst die Bildlegende lesen.

10.02.12

Ich bin nicht toleranter geworden. Aber geduldiger.