20.01.10

Im Zimthimmel

Zimt eignet sich ja auch insbesondere und hervorragend um den manchmal etwas hammeligen Geschmack von Lammfleisch aufzuheben. Die Lammkoteletts beim Anbraten also unbedingt gleich von Anfang an mit Zimt bestreuen. Gäste, die Lammfleisch nicht mögen, aus Gründen oder wegen des strengen Geschmacks, werden aus Schwärmerei auch noch den letzten abgenagten Resten Fleisch von den Knochen saugen.
Diesen einfachen aber sehr effektiven Trick habe ich von einem alten, afghanischen Schäfer gelernt.

19.01.10

Prisen

Versuchen Sie einmal den Karotten beim Abschmecken eine Prise Zimt zuzugeben. Wirklich nur eine winzig kleine Prise. Man soll den Zimt beim Essen nicht herausschmecken. Und natürlich wie gewohnt mit Salz, Pfeffer und Estragon, oder welches Kraut auch immer Sie bei Möhren bevorzugen, Petersilie oder Orangenthymian, würzen. Ihre Gäste werden begeistert sein, das Möhrengemüse loben und nie dahinter kommen, was Ihr Geheimnis ist. 

17.01.10

Firmen Apero

Das für mich immer wieder Erstaunliche an Aperos ist ja, dass die Leute fast dankbar sind, wenn sie angesprochen und egal was gefragt werden.
Das Mühsame ist dann, sie wieder los zu werden.
Es gibt vermutlich Standartsätze, wie man solche Gespräche beendet, ohne unhöflich zu sein.
Nicht, dass ich mich nicht gerne in Gespräche vertiefe. Aber ich spürte die Verzweiflung bis in ihr Halt gebendes Sektglas in der Klammerung.
Und ich wollte sie alle kennen lernen:

Die junge Sekretärin, die nach konzentriertem Wollwaschmittel duftete und trotzdem einen schmuddeligen Eindruck machte, wie ein im Putzeimer vergessen gegangener, nasser Wischmopp. Sie hatte einen Ägypter geheiratet und trat auf, als sei dieser Umstand allein kein naiver Zufall, sondern ein Glaubwürdigkeitsbonus in Sachen Antirassismus. Sie hatte keine Ahnung und eine Art, die ich nur als grossmäulig beschreiben könnte.

Die russische Deutsch als Fremdsprache Studentin, deren Lachen an Eiswürfel im Glas erinnerte. Sie hatte schon als Kind begriffen, dass sie nur aus dem Schlamm rauskommt, wenn sie über Leichen steigt. Ihr Lebensmotto ist, immer die Erste zu sein.

Die alte Lehrerin, die alles besser wusste, und keine Spur von Zartheit hatte. Sie brauchte ständig das Wort 'lustvoll'. Wie sie ihren Unterricht lustvoll gestaltete. Sie war so zäh wie eine Dörrpflaume, und ich gönnte ihr nichts so sehr wie Lust.

Die polnische Bereichsleiterin, die mit ihren hohen Stöckelschuhen im Eilzugtempo die Karriereleiter hinaufgestiegen war. Ich habe noch nicht herausbekommen, ob aus nagendem Machthunger oder schlichter Geldgier.

Es waren keine Gespräche, die einer Vertiefung gerecht werden konnten.

16.01.10

Parfait Amour

Frage mich, wie 'Parfait Amour' schmeckt. Dieser Veilchenlikör aus Montpellier mit so einem schönen Namen.

15.01.10

Vormittagsklasse

Wir üben Ratschläge geben.
Die Klasse döst, wie jeden Morgen, erstmal still vor sich hin.
Ich teile Kärtchen mit Problemstichworten aus.
"Nun, ich habe Kopfschmerzen," sage ich, "was kann ich tun?"
"Essen Sie ein Aspirin."
"Gut. Noch eine Idee?"
Stille.
"Nelson, was hast du?"
Er liest sein Kärtchen: "Stress. Ich habe Stress."
"Und?"
Dösende Stille.
"Gebt ihm einen Ratschlag, Leute!"
"Du musst mehr schlafen."
"Geh an die frische Luft spazieren."
Stille.
"Sehr gut. Was hilft auch noch?", frage ich aufmunternd.
Rosalie spricht pragmatisch und ganz ohne zu erröten: "Sex."
Kichern.
"Sex ist auch Stress," sagt Nelson schmunzelnd.
Lachendes Durcheinanderreden.
"Ruhe!"
Olga zeigt auf ihr Kärtchen: "Ich habe Halsschmerzen, aber ich will lieber Stress mit Nelson haben."
Wenigstens ist die Klasse jetzt hellwach.

14.01.10

Wie auch meine Laune von Tag zu Tag bessert.

12.01.10

Es bessert gut

Gestern habe ich den ganzen Tag nur geschlafen und gelesen. Hielt mich mit Zwieback und Tee bei Kräften. Alles andere wollte einfach nicht im Magen bleiben.
Tatsächlich liege ich seit Sonntag wieder flach. Diesmal ist es eine Darmgrippe. Ich mache mir schon gar keine Sorgen mehr darüber, dass ich schon wieder krank bin. Es musste so kommen. Mein Körper hat sich für die einfachste Lösung entschieden.
Auch heute steht auf meinem beneidenswerten Tagesprogramm: Schlafen und Lesen.
Ich lese Louise Erdrich. Gerade bin ich an 'Liebeszauber'. Ich tauche in die Geschichte ein und liege da, halb ertrunken in ihrer schönen und bildhaften Sprache, schlafe ein und kann es im Schlaf schon nicht mehr erwarten, weiter zu lesen.

06.01.10

...




Minka im neuen Jahr. Vom Gefühl her.

04.01.10

Brachliegen

Ab und an gehe ich zu meiner alten Nachbarin gegenüber, erkundige mich nach ihrem Befinden, und dann sitzen wir eine Weile zusammen auf dem Sofa und sehen uns die Tagesschau an. Ich selbst habe noch immer keinen Fernseher. Heute hat sie mir eine Schachtel assortierte Baron Pralinen aus Polen geschenkt, weil ich neulich ihr Telefon reparierte. Sie schmecken leider furchtbar. Wie dubios aromatisierte, braunlackierte Zuckerwürfel.

Ich kann nicht in die Berge fahren, das Wetter ist zu schlecht.
Bin untröstlich!
Muss mir einen feinen Plan ausdenken für die nächsten Tage, damit ich mich nicht hinter den Ofen verkrieche und demoralisiere.

Eintrag

Es gibt keinen Eintrag von Berlin. Habe nichts geschrieben, nicht fotografiert.
Es gab diesmal nur viel Zeit und viele viele Gespräche mit guten Freunden in Mitte, Friedrichshain und Neukölln.
Es gab auch drei hübsche Kleider, zwei Hosen und Stiefeletten, einen Spaziergang im Treptower Park, in Kreuzberg und irgendwo beim Viktoriapark, wo ich mich verlaufen hatte und beim Mehringdamm nach der nächsten U-Bahn Station fragen musste, Weihnachten mit iranischen Filmemachern und österreichischen Kunstsammlern, einen Notfall Zahnarztbesuch an der Berliner Strasse, der mich vierhundert Euro kostete, Nüsse und Süssigkeiten am Schlesischen Tor, Gözleme in der Sonnenallee, jeden Abend Vietnamesich, Sri Lankisch, Libanesisch oder Persisches Essen und fast jeden Abend Kino und Cocktailbars.

15.12.09

Ferien

Jetzt habe ich Ferien.
Weiss noch nicht, wohin.

13.12.09

Magnet


Endlich das Bild zur Geschichte gefunden.

11.12.09

Milchglas Augen

Der in den Gesichtern aller Mütter mit Säuglingen ähnliche, tranceartige Ausdruck chronischer Übermüdung. Dieser trübe, abwesende Blick aus dem Busfenster in die Leere hinaus.

09.12.09

Zurück im Alltag

Es heisst snowboarden. Ich kann nächste Woche gar nicht snowboarden lernen, weil ich noch keine Ferien habe.
Ein Türchen öffnen im Terminkalender bringt auch täglich irgend eine Überraschung.

08.12.09

Lebkuchen

Trete auf die Strasse und bin überrascht mit welcher Präzision ich auf einmal alles wahrnehme. Ein nahrhafter Spaziergang, wie ein Stück Lebkuchen.

07.12.09

Leben

Heute ist mein erster Tag ausserhalb des Bettes. Gleich werde ich mich wieder hinlegen. Es macht noch keinen Spass, etwas zu tun. Habe noch immer Mühe mit klarem Denken.
Draussen regnet es, und ich muss mich zusammenreissen, dass ich mein Leben nicht unnütz, langweilig und sinnlos finde. Es ist nicht schlimm. Es ist einfach gerade nicht lustig.

Möchte nächste Woche in die Berge fahren und Snowboard fahren lernen. Das ist dann lustig. Hoffentlich schneit es bald.

06.12.09

Schmutzli heisst der Knecht Ruprecht in der Schweiz

Meine Gedanken reissen ständig ab. Wie Kalenderblätter. Die abgerissenen Gedankenblätter schweben die ganze Zeit in meinem Gehirn herum. Das Fiese ist, dass zwar eine Menge auf diesen Kalenderblättern steht, ich aber nicht in der Lage bin es zu lesen.
Natürlich denke ich auch an nackte Männer. Aber selbst der Gedanke an nackte Männer ist zu materiell für meinen deliriösen Zustand. Zu meiner Überraschung kommen sie als gehörnte Teufelsmänner in Fellkleidern über den Schnee gestampft. Haben dicke Glocken um die Lenden gebunden. Schleppen mich in den Wald ab.
Oh, Hörner und Felle sind manchmal gut um die Phantasie zu transportieren.

Sonntagsmusik bei Minka

Ein Adventskalender, wie ich ihn mir immer gewünscht habe.

04.12.09

Linsensuppe

Meine Nachbarin kocht mir drei Mal am Tag etwas zu essen. Sie ist Iranerin und vor vier Monaten mit ihrem Mann, einem Tierarzt, in die Schweiz gekommen. Er arbeitet an einem Forschungsprojekt an der Uni und sie lernt Deutsch.
Sie klopft an die Tür, wartet zwanzig Sekunden, egal ob ich 'herein' oder 'jaja' oder schlafe und nichts rufe, dann klopft sie noch einmal und tritt vorsichtig ein. Sie legt das Silbertablett mit dem warmen Essen auf den Küchentisch und zieht ihr Kopftuch ab. Dann kommt sie ins Schlafzimmer, räumt meinen Müll weg, die Taschentücher und Orangenschalen und Dattelkerne, und stellt das Tablett ans Bett. Ich beschwere mich, sie soll nicht aufräumen, aber sie sieht mich nur mit einem Blick an, der sagt: Ich weiss. Sie fragt immer, was ich zu Essen wünsche, und ich versichere ihr, dass ich nichts brauche. Ich habe den Kühlschrank voller Suppen. Meine Freundinnen haben mir auch diesmal Suppen und Einkaufstüten voller Überlebenslebensmittel für Grippeopfer auf die Türschwelle gelegt. Sie faltet die Hände vor ihrem Schoss und lächelt.
Gestern Abend kochte sie mir eine Gemüsesuppe, weil ich Gemüsesuppe wünschte. Es war eine vorzügliche Fleischsuppe mit vielen frischen Kräutern, Koriander, Petersilie und Pfefferminze. Heute gab es eine Linsensuppe. Eine traditionell zubereitete iranische Linsensuppe. Die beste Linsensuppe meines Lebens. Es war so köstlich, dass mir die Tränen kamen.
Sie wartet immer, bis ich einen Löffel probiert habe und sieht mich dabei lächelnd an. Dann zieht sie sich rückwärts zurück, geht freundlich nickend rückwärts aus dem Zimmer und vollständig rückwärts zur Wohnungstür raus.

02.12.09

Grippe

Die Kopfschmerzen hängen mir irgendwie zum Halse raus.
Wie ein welker Strauss.

30.11.09

Liebesblick

Zwanzig Jahre habe ich gewartet um Ghedalia Tazartes live sehen zu können.

Ich stand im Foyer zwischen zwei Konzerten, als eine ältere Dame sich zu mir gesellte. Sie trug nur Schwarz, Weiss und Knallrot, sehr adrett. Sie sah inmitten all dieser Experimentalmusikliebhaber eigenartig gutbürgerlich aus. Ich fragte sie, für welches Konzert sie gekommen sei. Ihr Mann habe sie mitgeschleppt, antwortete sie, er höre nur solche schräge Musik. Ich suchte in der Menge einen Mann, der den Ihren hätte sein können. Sie merkte es, und deutete auf einen ziemlich jüngeren Mann, der genau so skurril aussah, wie die Musik, die er gerne hörte. Seine Haltung war etwas schief, die Strickjacke sah aus wie falsch zugeknöpft. Auch sein Hut sass schief. (Ich muss bei Menschen mit Hüten immer an diese Geschichte denken, die mein frommer Grossvater mir einst vorlas, in der Kinder 'behütet' waren, und ich mir stattdessen Kinder mit Hüten vorstellte.) Er stand inmitten der Wartenden ohne sich mit etwas beschäftigen zu müssen, ohne Drink, Gesprächspartner oder Hosentaschen für die Hände. Seine Frau betrachtete ihn liebevoll und ich spürte, dass sie sich spätestens nach dem zweiten Campari Orange zusammenreissen musste, dass sie ihn nicht für einen Helden hielt, wenn sie vom anderen Ende des Foyers zuschaute, wie seine Augen unter dem Hut hervorleuchteten und die ganze vor sich hin brabbelnde Menge zwischen ihnen in ein erträgliches Licht stellten.
Sie erzählte mir, wie er ihr zu Beginn ihrer Bekanntschaft diese Musik vorspielte, und sie skeptisch wurde, einen Moment lang abwog, ob sie ihn wirklich lieben könnte, mit all seinen Absonderlichkeiten. Aber sie mochte all das an ihm und verliebte sich.
Seit fünfzehn Jahren sind sie ein Paar.

27.11.09

Heute: Yo La Tengo.
Morgen: Cobra Killer, Little Annie, Ghédalia Tazartes
und keine Zeit zum Schreiben.

23.11.09

Arztroman 5

Nic hat eine neue Idee.
Neulich waren wir zusammen etwas trinken. Sie ist die einzige Frau, die ich kenne, dich sich gerne an die Bar setzt.
"Warum" sagte sie, während sie mir das Bier reichte, "schreibst du nicht dem anderen Arzt, dem Honigmundmann, die ganze Geschichte, wie du sein Foto im Internet fandest, und dass du dich auf Anhieb in ihn verliebt hast. So könntest du ihn kennen lernen."
"Ein Mann wie der ist garantiert verheiratet," sagte ich.
"Dann wird es ihm schmeicheln und du hast dein Glück versucht," zwinkerte sie mir zu.
Nic ist manchmal erfrischend unkompliziert in diesen Dingen. Und sie hat scheinbar eine Schwäche für Verkuppelungen entwickelt. Nach zwei Stunden und zwei weiteren Bieren fragte sie mich:
- "Welcher Mann gefällt dir hier am besten?"
- "Keiner."
- "Und der da?"
- "Hmnja."
Sie ging auf ihn zu und wechselte ein paar Worte mit ihm. Kurz darauf stellte sie ihn mir vor. Aber mir fielen nur komische Fragen ein und der Hmnjamann verzog sich wieder.
Nic gab, wie immer, nicht so schnell auf:
- "Mit welchem Mann könntest du dir vorstellen Sex zu haben?"
Ich schaute mich noch einmal um.
- "Mit der Dunkelhaarigen da drüben zusammen mit dem mit der Brille dort," sagte ich.
- "Die Dunkelhaarige kann ich ja verstehen, aber warum der mit der Brille?"
- "Er erinnert mich an einen Mann, den ich begehrte, aber mit dem ich nie Sex hatte."
- "Verstehe. Und die Dunkelhaarige wäre gewissermassen ein Trost Supplement?"
- "Nur eine gute Kombination."
- "Das wird zu kompliziert," winkte sie ab.
Später spendierte sie heimlich einem wildfremden Mann einen Zwetschgenschnaps von mir. Ich merkte es erst, als der Barmann auf mich deutete, und der Wildfremdemann verwundert schaute. Dann lächelte der Wildfremdemann, prostete mir mit dem Zwetschgengeist zu und so nahm der Abend an der Bar seinen Lauf, mit komischen Fragen und Nics Augen, die sich verdrehten.
Schliesslich kehrten wir heim in unsere Betten. Ganz ohne Kombinationen und Supplements.

22.11.09

Ich war jung und brauchte das Geld 2

Habe die hälfte meiner Kurzgeschichte fertig. Und nur noch eine Woche Zeit. Ich werde vermutlich nicht fertig. Dabei habe ich schon begonnen das Geld auszugeben, das ich gar nicht mehr gewinnen werde.
Wenn es nach mir ginge, würde ich am liebsten den ganzen Tag nichts anderes tun, als Kurzgeschichten schreiben, über Menschen, die Ingo heissen oder meinetwegen Bernd, und sich verlieben, eine Weile sehr glücklich sind und dann verlassen werden. Und immer Sehnsucht haben. Dann tun sie verrückte Dinge, um ihre Sehnsucht zu stillen und es wird richtig spannend. Irgendwo würde eine Stelle mit heissem Sex vorkommen, die man immer wieder aufschlagen und nachlesen würde, weil sie so gelungen ist.

21.11.09

Terminschwäche

Es war früh morgens. Ich war spät dran und rannte auf den Zug. Ich rannte und rannte und erwischte ihn in allerletzter Sekunde. Setzte mich ausser Atem in den Speisewagen. Mir war schwindlig. Ich hatte nicht genug geschlafen und noch nichts im Magen. Ich bestellte ein Wellness-Frühstück. Wellness bedeutet zusätzlich ein Glas Orangensaft und ein Müesli. Der Kondukteur kam und ich hatte kein Billett. Es kostete mich zehn Franken Zuschlag. Mir war noch immer heiss und meine Bluse war nassgeschwitzt. Auf der Toilette zog ich sie aus und ein Strickjäckchen an. Ich betrachtete mein vibrierendes Spiegelbild. Man konnte den BH durch den hellen Strick sehen. Ich sah aus wie eine Emmentaler Serviertochter. Lächelte mich an. Es half nicht. Schminkte schliesslich die Wimpern mit brauner Tusche. Setzte mich zurück an mein Wellnessfrühstück. Bestellte einen weiteren Tee. War noch so müde. Als ich ausstieg, sah ich auf die Uhr.
Ich war eine Stunde zu früh.

20.11.09

Es herrscht



Schild am Gewerkschaftsgebäude

18.11.09

Jeux d' esprit