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23.01.14

05.07.12

Obsie

Heute habe ich im Unterricht ein Lied vorgesungen. Es passte so gut zum Thema: Indirekte Fragesätze mit ob. Hatte keine Tonaufnahme gefunden, also musste ich es wohl oder übel selber singen. Ich hatte es von meiner Mutter gelernt. Es ist ein altes Lied. Sie sang es am Klavier und ihre Hände hüpften, ganz Varieté mässig, weit ausholend auf der Tastatur auf und ab.
Es geht so:
Ob sie -obsie -obsie -obsie ob sie mich noch liebt
Ob sie -obsie -obsie -obsie ob sie mir vergibt
Ob sie -obsie -obsie -obsie ob sie an mich denkt
oder in der zwischenzeit zwischenzeit zwischenzeit
oder in der zwischenzeit -hat ihr Herz verschenkt.
Ich sang munter und drauflos, und am Ende wurde mir erst klar, dass ich tatsächlich ein Lied vorgesungen hatte und errötete. Die Klasse applaudierte und ich begann zu glühen. Ich sah den wohlwollenden Bilcken der Gruppe an, dass ich nicht aufhörte zu glühen.
Pause, sagte ich verlegen lächelnd, und flüchtete ins Lehrerzimmer.
Nach der Pause wollten alle das Lied lernen.

19.06.12

Darum fühle ich mich nicht

Die Kursteilnehmenden melden sich per SMS vom Unterricht ab. Absenzen-SMS heute:
Guten Morgen Frau Jonka. Ich bin D. Heute ich kann nicht in der Schule kommen, weil ich gewartet ganze Nacht auf mein Mann habe. Eigentlich ich habe Problem mit meinem Mann, darum fühle ich mich nicht. Ich will Deutsch lernen, aber tut mir leid, mein Leben sehr sehr schwierig. Ich warte auf meinen Mann bis 6:00 Uhr. Ich schlafe jetzt. Mein Mann noch nicht ankommen nach Hause. :-(

14.02.12

Valentinstag

Die chinesische Studentin, die jedes Mal zum Sprechen aufsteht. Die Kolumbianerin, die einfach drauflos redet, wie sie lustig ist und die Lehrerin duzt. Die Senegalesin, die sich lauthals empört und etwas Respekt für die Lehrerin von ihr verlangt. Die Chinesin, die es nicht übers Herz bringt ihre Lehrerin ohne Titel anzusprechen, und mich inzwischen nicht mehr Lehrerin Jonka, sondern standhaft Frau Lehrerin Jonka nennt. Die Eritreerin, die beim Abschied mit ihren Fingerspitzen meine Handfläche streift und ihre Hand ans Herz legt. Die Vietnamesin, die mir bei der Begrüssung die Hand mit aller Kraft zusammen presst, weil sie gelernt hat, dass ein fester Händedruck ein Zeichen der Sympathie ist. Der tibetische Mönch, der jedes Arbeitsblatt mit beiden Händen entgegen nimmt und sich dabei drei Mal verneigt. Der Indonesier, der mich manchmal nachahmt und wie ich „oh Mmmann“ sagt, oder „ge-nau“. Der schlaue Kubaner, der beim Galgenspiel bei  _ a _ _ _ t _ _ _ t a _  sofort das Wort Valentinstag erriet.

15.01.10

Vormittagsklasse

Wir üben Ratschläge geben.
Die Klasse döst, wie jeden Morgen, erstmal still vor sich hin.
Ich teile Kärtchen mit Problemstichworten aus.
"Nun, ich habe Kopfschmerzen," sage ich, "was kann ich tun?"
"Essen Sie ein Aspirin."
"Gut. Noch eine Idee?"
Stille.
"Nelson, was hast du?"
Er liest sein Kärtchen: "Stress. Ich habe Stress."
"Und?"
Dösende Stille.
"Gebt ihm einen Ratschlag, Leute!"
"Du musst mehr schlafen."
"Geh an die frische Luft spazieren."
Stille.
"Sehr gut. Was hilft auch noch?", frage ich aufmunternd.
Rosalie spricht pragmatisch und ganz ohne zu erröten: "Sex."
Kichern.
"Sex ist auch Stress," sagt Nelson schmunzelnd.
Lachendes Durcheinanderreden.
"Ruhe!"
Olga zeigt auf ihr Kärtchen: "Ich habe Halsschmerzen, aber ich will lieber Stress mit Nelson haben."
Wenigstens ist die Klasse jetzt hellwach.

26.10.09

Özlem

Özlems Lieblingswort ist Frühstück. Wenn sie in Fahrt kommt, sagt sie sogar Fürühstück. Es gibt einige auserwählte Wörter, bei denen sie die Reihenfolge der Silben nie hinkriegt. Verhareitet oder kontrensieren zum Beispiel. Sie kann sich nicht konzentrieren, weil Ali neben ihr sitzt und immer leise vor sich hinmurmelt. Einmal patschte sie mit der flachen Hand auf Alis Hinterkopf, damit er Ruhe gibt. Das hätte sie besser unterlassen. Ali schwieg zuerst tatsächlich ein paar Sekunden und schaute nur konsterniert. Dann sprang er auf wie ein Schachtelteufel und schimpfte los, schlug sich vor Wut ein paar Mal mit weit ausholender Hand auf die Brust, zeigte auf Özlem und haute sich, uns das Unrecht demonstrierend, gleich noch ein Mal selbst auf den Hinterkopf.
Ich habe Teweldebaran zwischen sie gesetzt. Er lässt sich nicht so leicht von Gemurmel beirren.

22.10.09

Heloiza

Heloiza bekommt eigentlich alles, was sie will. Sie ist jung, hübsch und hat ihre Kindheit in Porto Alegre verbracht. Ihr Körper übernimmt das Sprechen. Ihre Rede, also alles an ihr, ist weich, anschmiegend und abrundend. Die deutschen Wörter sind kompliziert wie Millionenbeträge, darum rundet sie sie pauschal und grosszügig ab. Immer, wenn sie sechs sagt, kichert sie. Ihre Lieblingszahl ist sexundsexyg.

21.10.09

Harutyun

Harutyun liest Sätze nur andeutungsweise. Er liest ein, zwei Worte und denkt sich den Rest aus. Ich vermutete zuerst, dass er eine Leseschwäche hat. Aber das ist es nicht. Er sieht nicht gut. Um die Buchstaben zu erkennen, muss er sie zwei Zentimeter vor die Augen halten. Darum kneift er wie ein geblendeter Maulwurf die Augen zusammen und senkt, aber auch nur wenn es unbedingt sein muss, die Stirn bis auf den Tisch und legt die Nase ins Buch. Er bekommt bald eine neue Brille.

17.10.09

Angelez

Auch Angelez hat eine Narbe am Hals. Sie ist als Kind von einem Hund gebissen worden. Der Hund sprang ihr direkt an den Nacken. Sie ist eine kleine, dünnbeinige, 45 jährige Mexikanerin. Sie trägt jeden Tag Cowboystiefel und einen Jeans-Minirock und viel Schmuck an den Ohren. Ich denke bei ihr immer an Kirmes, Softeis, Zuckerwatte und Revolverschüsse. Sie spricht lauthals und spärlich Worte, als wären es Plüschtiere, die sie am Schiessbudenstand den Gewinnern aushändigt. Sie formt ihre Lippen zu einem Kussmund, wenn sie fotografiert wird. Die Frauen fotografieren ständig mit ihren Handys. Sie strömen für jedes Bild wie Quecksilberkügelchen zusammen, halten die Köpfe aneinander und verschmelzen zu einem gemeinsamen Fotolächeln.

15.10.09

Amalia

Amalia ist 18, hat schwarze, lange Haare, die sie mit dem Bügeleisen glättet. Sie legt die nassen Haare auf das Bügelbrett, ein Küchentuch drauf und ihre Schwester bügelt drüber. "Warum nimmst du kein Glätteisen," fragt Veronika. Veronika ist Ukrainerin und Fotomodell. Sie ist spindeldünn, hellhäutig und durchscheinend wie ein Phantom. "Meine Haare sind zu dick," antwortet Amalia, "das schafft ein Streckeisen nicht." Einmal hatte die Schwester keine Lust zu bügeln und Amalia versuchte es selber. Dabei geriet sie mit dem heissen Bügeleisen an den Hals. Sie zeigt uns die Brandnarbe.

Ali

Ali kämpft mit Wörtern. Er vergisst oder verwechselt sie, redet aber pausenlos, weil er gewissenhaft jedes meiner Worte ein paar Mal nachspricht. Er hat dunkelgrüne Augen und ist still und leise in Amalia, die Armenierin verliebt.

14.10.09

Teweldebaran

Teweldebaran ist Eritreer und lernt mit elf anderen Menschen in einem Sprachkurs Deutsch. Teweldebaran wird T’wld’brn ausgesprochen. Er spricht auch Deutsch gänzlich vokallos, dafür rollt er ausgiebig das r. Er ist am 1. Januar 1988 geboren, wie drei andere Eritreer in der Klasse auch, was keineswegs ein seltener Zufall ist, sondern auf einer geschätzten und ordnungsmässigen Festlegung eines Fremdenpolizeibeamten beruht. Err’st von B’rruf Soldat. Er ist desertiert und muss sich erst an sein neues, adrenalinarmes Leben gewöhnen. Er kann töten und überleben. Jetzt kämpft er mit der Langeweile und den Vokalen.

19.05.09

Wohin Terminschwächen führen

Aus Versehen in eine Weiterbildung zum Thema ‚Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz’ geraten. Meine Terminschwäche hat mich schon oft in missliche Lagen gebracht. Aber inmitten belästigter, verletzter und hennaroter Frauen zu landen, die mit rauchigen Stimmen schlecht über Männer reden, und gleichzeitig übergross an die Wand scharfe Bilder von sexy Sekretärinnen in engen Kostümen und Männerhänden in Arschnähe projiziert zu bekommen, das war nicht, was ich an diesem Morgen erwartet hatte.

13.12.08

Ich heisse

"Isch’eisse klingt wie ich scheisse," sagt die Koreanerin und lacht.

04.12.08

Konzentrieren Sie sich bitte!

Abends unterrichte ich eine Klasse mit elf Männern und zwei Frauen. Die Frauen kommen aus Kolumbien und kleben ständig zusammen wie ein Doppelpack. Die Männer kommen aus Libanon, Haiti, Kurdistan, England, Pakistan, Algerien, Ecuador. Es ist eine spürbar männliche Energie im Raum. Ich merke das, weil ich als Lehrerin sofort strenger, distanzierter und sachlicher werde. Sie produzieren am laufenden Band Anspielungen, aber eher zufällig und ohne die Bedeutungen zu kennen. Sie kreieren Zweideutigkeiten, die sie noch gar nicht verstehen. Ich weiss, dass sie mir auf den Hintern schauen, wenn ich an die Wandtafel schreibe. Aber sie tun es aus Gewohnheit und nicht aus Absicht. Sie wagen es nicht, mit mir zu flirten, und doch tun sie es mit ihrer Körperlichkeit, ihrem Geruch und männlichen Gesten.
Zum Beispiel der Rumäne: Er trägt immer helle Hemden auf nackter Haut. Er zeigt gerne seine Brusthaare und lässt unverschämt viele Knöpfe offen. Manchmal packt ihn die Kolumbianerin vorne am Hemd und sagt: „Mach das zu, Mann, das ist ja nicht auszuhalten.“ Doch er lässt es offen.
Der Rumäne ist in Kanada aufgewachsen und sah mit seinen langen Haaren, dem karierten Hemd, den Koteletten und spitzen Cowboyschuhen wie ein kanadischer Holzfäller aus, als er vor einem Jahr in die Schweiz kam. Inzwischen sieht er wie Brad Pitt aus. Kurze Haare, angedeutete Haartolle, feines Goldkettelchen, blaue Augen, Verführerlächeln.
„Mach dein Hemd zu,“ sage ich ihm, als er mir sein Heft zum Korrigieren hinlegt und seine Brusthaare präsentiert. Er geht schweigend an seinen Platz zurück, setzt sich, sieht mir in die Augen und knöpft langsam sein Hemd zu.
Wie soll ich mich da konzentrieren.

02.12.08

Wie fühlt ihr die Nacht?

Ich unterrichte vormittags eine Klasse mit elf Frauen und einem jungen tschechischen Opern Tenorsänger, der extrovertierter und insgesamt hysterischer als alle Frauen zusammen ist. Elf Frauen, aus aller Welt. Tibet, Süd-Korea, Kuba, Polen, Kolumbien, Angola, Sri Lanka, Bosnien, etc. Sie lernen bei mir Deutsch.
Der Opernsänger kommt jeden Morgen zu spät und schläft ein, sobald er an seinem Platz sitzt. Er schläft seelenruhig bis etwa zehn Uhr. Dann öffnet er die Augen und trinkt ein Red Bull. „Trink das nicht,“ sage ich ihm, „das bringt dich noch um.“ „Ich bin vor elf Uhr morgens nie wach,“ sagt er, „ich brauche das um aufzuwachen.“

Wir üben Fragen mit Fragewörtern zu einem bestimmten Thema. Es sind die üblichen Beispielfragen. Aber es sind immer öfter auch Fragen von Frauen unter sich:
„Wie oft habt ihr eigentlich mit euren Ehemännern Sex?“, fragt die Koreanerin zum Thema Verkehr, weil ihr das Wort Geschlechtsverkehr einfällt, und es interessiert sie wirklich. Sie steht für die Frage sogar auf. Sie ist seit acht Monaten mit einem Schweizer verheiratet. Sie bringt immer solche Fragen.

Thema Familie: „Wie habt ihr euren Ehemann kennen gelernt?“, will die Kubanerin wissen. „Auf der Toilette,“ sagt der Opernsänger vorschnell, und bekommt gleich von der Polin eins gewatscht.
„Wie fühlt ihr die Nacht?“, fragt die Angolanerin. Ich habe sie noch nie lachen sehen.
„Wie fühlt ihr euch nachts?“ frage ich korrigierend. Und die Frauen erzählen von ihren gefühlten Nächten.
Heute Morgen haben wir ein lustiges Spiel gemacht:
Alle haben der Reihe nach einen Buchstaben vom Alphabet bekommen und für sich ein auffallend schönes Wort im Wörterbuch gesucht. B wie Blitz, C wie Charme (Kubanerin), E wie Euter (Koreanerin), G wie Geschwindigkeitsbegrenzung (der Opernsänger schrieb das Wort mit quietschender Kreide quer über die Wandtafel, alle hielten sich die Ohren zu mit verzerrten Gesichtern, und er gluckste und lachte hysterisch vor Freude), H wie Haft (Angolanerin). Morgen geht es mit J weiter.

27.03.07

Die schönsten Fehler heute

Schreiben Sie bitte einen Satz mit dem Wort:

heiss

Wie heisst er?


01.12.06

Advent

Im Quartiertreff einen Vormittag zum Kerzenziehen für fünfzehn Personen reserviert:
- Und keine Kinder? - Nein. – Wie... keine Kinder? - Nein keine Kinder. - Also ohne Kinder? - Ja.

Meine Mitbewohnerin schenkt mir einen Adventskalender mit Hundertwasser’schen Goldfensterchen und goldenen Sternchen. Nur noch Wörter mit –chen Endungen brauchen in der Adventszeit.

26.10.06

Angewand(tafel)te Kunst


Ich bin gerade am umziehen, und weil Umzüge sowieso immer nur dann passieren, wenn man keine Zeit hat, arbeite ich momentan auch noch das doppelte Pensum. Mein Portemonnaie hat ein Zweimonateloch. Der unbezahlte Sommer macht sich bemerkbar. Ich arbeite und bin müde, packe und bin müde, arbeite und packe und schlafe, und alles andere schiebe ich auf. Alles.
Heute hat mein Patensohn Geburtstag. Er wünscht sich einen Tag mit seiner Patentante, Torwarthandschuhe und ein Fahrradschloss. Aber ein solides, sagt er. Auch das muss ich aufschieben. Ich werde seine Wünsche am Samstag erfüllen. Morgen habe ich selber Geburtstag. Ich wünsche mir auch etwas Solides. Ein solider Mann wäre zum Beispiel nicht schlecht. Aber ich schiebe meinen Geburtstag auch auf. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass ich morgen auf einen Schlag älter werde.