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09.08.14

Liebeswahn


... Eine Abart wird Liebeswahn genannt. Er entsteht in jenen, welche am Nichtlieben stürben, wenn ihr Selbsterhaltungstrieb, oder irgend ein anderer Trieb, nicht die Notmassnahme des Wahns ergriffe. Diese glücklich Unglücklichen bergen sich fortan in einem Phantasiegebilde.

Zitiert aus der Erinnerung, vorgelesen von Alice während des Haaransatzfärbens aus einem Buch von Helen Meier.

Und noch einmal, weil es so schön ist:
... jene, welche am Nichtlieben stürben ...


08.12.12

Woche für Woche vergeht

Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Ich könnte ganze Wände mit Sexabenteuern, Romanzen und Eskapaden tapezieren, die ich mir ersehne. Aber da ist nicht einmal ein Mann in Sicht. Ausser einem. Der mich entzückt und verwirrt. Aber der nicht für mich bestimmt ist. Ich weiss es. Und doch sehe ich in allen Silhouetten, die durch meine Phantasien flattern, nur ihn.
Ich ersehne immer nur ihn.

19.09.10

Im Mond

 Meine Lehrerin, mademoiselle Gaulet, vermerkte in der ersten Klasse im Zeugnis: Minka est souvent dans la lune.

01.07.10

Oh my

so I slipped some love dust in your Martini, girl

12.02.10

Ach!

Damals, als er beim letzten Glas an sie dachte – ihren aufrechten Gang, den Schwung ihrer Hüften, den süssen, geilen Arsch, den sie hatte, und wie weich sich ihre Lippen anfühlten - und er dann draussen auf der Strasse an ihre kleine, nasse Zunge dachte und auf der Stelle anhalten musste, bei dem Geschmack, der in seinem Mund zusammenlief - diese herbe Beere, voller Saft - und er ganz verloren auf der leeren Strasse da stand, halb ertrunken in ihren Reizen, und er nicht mehr an sie denken wollte, und es doch wollte, und dieses reissende Gefühl in der Brust nicht loswerden konnte, das ihn gleichzeitig aushöhlte und ausfüllte.

30.10.09

Mit jedem erloschenen Stern wird das Weltall etwas dunkler

Sehnsucht erlischt manchmal einfach, wie ein leuchtender Himmelskörper, der unwillkürlich verglüht, wenn der Brennstoff ausgegangen ist.

03.12.08

13.11.07

Corvatsch, Herbst 2007


„Du schmeckst gut!“ sagte der Schmetterling zu mir, nachdem er sich nun schon zum zigten Mal auf meinem verschwitzten Unterarm niedergelassen hatte, um von mir zu trinken. Dieser kleine Charmeur, dachte ich bei mir, eine solche Schönheit und dann steckt er seinen Rüssel in die stinkenden Pfützen auf der Haut von ausgepumpten, den Berg hoch stolpernden Touristinnen wie mir. „Nicht nur das, meine Liebe, im Sommer hätten wir uns auch unten im Tal hinter den Schweinemästereien in der Abluft der Klimaanlage treffen können oder in dieser Felsenrinne dort oben in der lange Zeit ein Kadaver vor sich hin gammelte.“ Dabei zeigte er mit einem seiner unglaublich zarten Flügel hoch in Richtung des von der goldenen Engadiner Herbstsonne beschienen Berghanges.

„Ich verstehe das nicht mein Bester,“ antwortete ich ihm. „Die Pracht deiner Erscheinung, die Farben, die Zartheit. Weshalb kannst du dich nicht um all die wunderschönen, wohlriechenden Blüten kümmern, die dir ihre duftenden Hälse entgegenstrecken? Was begeistert dich so an diesem vergifteten Gebräu, das mir aus den Poren schiesst?“ „Nun weshalb bist du so kleinlich Madame Jonka. Schau ich behalte meine Zartheit auch wenn ich im Duft der Kadaver geschlafen habe. Die Farben meiner Flügel verlieren ihre Leuchtkraft nicht, wenn ich an dieser Mischung aus Sonnenschutzcreme, Schweiss und Bier auf deiner Haut lecke. Gift ist etwas anderes.“

„Ja aber ein bisschen versaut bist du schon mein Guter.“ wandte ich ein.
„Kennst Du denn so viele versaute Männer, Werteste, dass dir deshalb unsere Begegnung gleichgültig sein könnte?“
„Nein eigentlich nicht,“ antwortete ich zögerlich. „Die meisten wären es wohl gern oder ersparen sich die ganze Mühe und begeben sich auf die Suche nach versauten Frauen. Doch wenn sie auf eine treffen verlieren sie ihre Zartheit und die Farben gehen meist in der Suche nach einem Alltag unter. Zu selten ist das, du hast schon Recht.“
Der Schmetterling zwinkerte mir wie einer Gleichgesinnten zu und flog hüpfend und unvorhersehbar neben mir auf und ab.

Einige hundert Meter weiter oben am Hang hatte ich genügend nachgedacht, um ihn mit einem weiteren meiner Zweifel zu konfrontieren.
„Vielleicht hast du ja Recht und die Zartheit ist eine ganz eigene, verwirrende Schweinerei. Aber masslos bist du allemal, so wie du dich an mir labst.“
Der Schmetterling lehnte sich entspannt zurück und fragte:
„Wie viele Vorspeisen bestellst du, wenn du essen gehst, Minka?“
„Bitte? Wieso fragst du mich das jetzt? Und überhaupt, die Frage ist doch welche und nicht wie viele?“
„No Madame Jonka. Ich würde immer mindestens so viele Vorspeisen für mich bestellen, bis die Bedienung nervös zu lächeln beginnt. Das ist der Unterschied zwischen dir und mir.“

Ich schmunzelte und ging langsam weiter über den noch warmen Hang, während ich die Lerchenwälder weit unter mir betrachtete. Endlos. Der Schmetterling liess sich auf einen Stein vor mir nieder und wandte sich mir noch einmal zu. Doch es lag schon etwas wie Abschied in seiner letzten Frage:
„Nun könntest du mich natürlich noch was Bedeutsames zu deinem Leben fragen, weil schliesslich die Begegnung mit einem sprechenden Schmetterling ja so was wie ein Wunder ist, nicht wahr. Oder möchtest du dir etwas wünschen, für die Zukunft?“
„Ach, mein teurer Freund, was soll ich dich fragen, was soll ich mir von dir wünschen. Du wirst hier oben in deiner Mächtigkeit bleiben und ich werde mit der Seilbahn runterfahren ins Tal. Dorthin wo niemand masslos ist und versaut schon gar nicht, oder dann gleich so fertig, dass es keine Freude mehr bereitet. Das Eldorado der Mittelmässigkeit wird mich von neuem umfangen und wird versuchen an mir zu lecken. Was bleibt ist die Erinnerung an die paar Stunden hier oben mit dir.“

Da flog der Schmetterling davon und als ich ihn schon kaum mehr sehen konnte, drehte er sich ein letztes Mal zu mir um und rief: „Du wirst dich an mich erinnern und auch an die letzten Zeilen, die mein alter Freund Hunter S. Thompson mir schrieb, als er die Farben dieser Welt für immer verliess:

„Ganz oben auf der Spitze des Berges sind wir alle Schneeleoparden.“

20.08.07

Ver-bergen


Allein sein. Mich im Nebel verbergen.
Die Veränderung, die mich vernebelt, freut und verwirrt. Ich beschaue sie, nehme sie ernst und lache.

Langes Schweigen. Es gibt zwei Arten von Stille. Die eine macht Angst, zermalmt. In der anderen kann man sich auflösen.

(noch bis Ende Monat)

13.06.07

Sicher ist sicher

Mein Schlüsselanhänger ist futsch. Es war der heilige Christophorus. Der Schutzpatron der Reisenden und Fahrenden. Der ganze Schlüsselbund ist mir beim Fahrradfahren aus der Hosentasche gefallen. Ein Auto fuhr straks darüber, noch bevor ich bremsen konnte. Der Christophorus zersplitterte komplett. Ich bin ja nicht abergläubisch. Ganz und gar nicht. Aber das ist nun eindeutig ein Zeichen. Ganz egal was es bedeutet, ich habe beschlossen vorsichtiger zu fahren. Vielleicht sollte ich mich nicht mehr an die Strassenbahn hängen und mich von ihr über die Kirchenfeldbrücke ziehen lassen.

26.02.07

Die dahintreibende Kranke und das Äffchen ihrer Träume

Wenn ich krank bin werde ich anhänglich. So anhänglich wie meine süsse kleine Freundin Zhu, wenn sie betrunken ist. Dann lehnt sie sich schwankend an mich wie an ein Brückengeländer, weil ihr schwindlig wird, sobald sie in die Tiefe schaut. Sie verknotet ihre Arme um meinen Hals wie ein Halstuch. Sie legt den Kopf auf meine Schulter und denkt keine Sekunde daran, den Knoten zu lockern. Sie sagt: Minka, ich habe dich so vermisst.
Tja, ich bin krank und habe Halsschmerzen. Wenn ich krank bin werde ich anhänglich und vermisse alle Menschen. Das ist die grosse Misere. Aber das ist nicht alles: Mir sind die Papiertaschentücher ausgegangen und ich schnäuze mich in ein Bettlaken aus dem Wäschekorb. Einen Zipfel des Tuches habe ich immer in der Hand, der Rest hängt wie ein nutzloser Hochzeitsschleier vom Bett runter. Ich merke gerade, dass ich gerne ziemlich deliriöse Allegorien produziere. Ich hätte es gerne etwas dramatischer, überreifer, unheimlicher... Bitte. Schliesslich bin ich krank. Nochmals dramatischer: Der Rest hängt hinunter wie ein zerrissenes Segel am Schiffmast eines verwesenden Geisterschiffes, das seit Äonen verloren im weiten Ozean umher treibt. Das mit dem Segelschiff ist mir gerade eingefallen, weil ein Freund letzte Nacht von mir träumte, ich hätte ein Segelschiff auf dem Bauch tätowiert und daneben einen Walfisch, der sich lachend auf Höhe der Leber an meiner Seite tummelt. Lebertran. Ein Walfisch auf der Leber. Wenn ich mal Geld und Zeit habe, werde ich mir einen Schafbock mit grossen Hörnern auf die Leiste tätowieren lassen. Er würde auf meinen Schamhügel zuspringen und vor Freude die Hinterfüsse in die Luft werfen. Ich schnäuze mich langsam von einer Ecke des Lakens zur nächsten vor. Wenn das Laken vollgeschnäuzt ist habe ich immer noch den Wäschekorb mit den Badetüchern. So nun ist aber genug mit der Misere.
Ein kleines Äffchen auf der Schulter tätowiert würde mir auch gefallen.
Es würde mir Geheimnisse ins Ohr flüstern, und sich dann verschmitzt die Hand vor den Mund halten.
Wenn einem ein Äffchen etwas ins Ohr flüstert, ist das wie ein Bächlein mit bunten Papierschiffchen, das durch die trübselig gestimmte Landschaft der eigenen Gedanken plätschert.
Am liebsten wäre mir natürlich ein weitgereistes Äffchen, dass mir alles erzählen würde, was es im Laufe der Jahre gesehen und erlebt hat. Wobei die furchterregenden, japanischen Geistergeschichten von den gummihalsigen, rachsüchtigen Dämoninen, die sich nachts an einsame Wanderer heranschleichen, die allerbeste Medizin für Halsschmerzen sind.


Natürlich ist so ein Äffchen ein Feinschmecker, der sämtliche Gerichte, auch diejenigen aus den entlegensten Gegenden der Welt kennt und blitzschnell selber kochen kann.
Ach, warum kommt meine Mitbewohnerin nicht endlich nach Hause und kocht mir ein Süppchen und bringt mir dreihundert Multipackungen Taschentüchern ans Bett und erzählt mir, was auf der Welt passiert?

25.06.06

Wie ich schlagartig erwachte, oder warum man die Wirkung aufgehängter Bilder nicht unterschätzen sollte.

Wenn man Teewasser mit einem elektrischen Wasserkocher auf dem Gasherd heiss macht, und einem erst dann langsam dämmert, dass etwas falsch ist, wenn es nach verbranntem Plastik riecht und dunkler, schwarzer Rauch über den Stichflammen aufsteigt, dann ist man definitiv noch nicht wach.

Es gibt aber für alles immer noch eine andere Erklärung. Mindestens eine.
Als ich nämlich den brennenden Wasserkocher rasch vom Gasherd nahm und mich in der Küche umsah, wohin ich das schmelzende Teil schmeissen könnte, fiel mein Blick sofort auf das Poster an der Wand.
Sie!
Mein Besuch aus Berlin hatte mir dieses Plakat mitgebracht, eine Ausstellung von Sterling Ruby in Milano. Meine Freunde hatten an mich gedacht, als sie das Bild gesehen hatten: Eine muskulöse Frau mit einem komischen Kerzenständer. Ein seltsames Bild. Und warum an mich gedacht? Manchmal lösen sich Rätsel, wenn man die Dinge wirken lässt und nicht viel daran rumstudiert. Ich hängte das Bild in der Küche auf.
Der Wasserkocher wurde langsam heiss in der Hand und pechschwarze Tropfen fielen auf meinen Afghanischen Teppich. Während ich sie betrachtete, wie sie mit ihren breiten Armen und dem Gesicht im Dunkeln wie eine unheilvolle Türsteherin über die Geschehnisse wachte, wurde ich schlagartig wach. Ich bin ja nicht abergläubisch. Ganz und gar nicht. Aber mir wurde sofort klar, wer an diesem sonderbaren Unglück schuld war.

22.06.06

Prioritäten

Ich habe keine Zeit für die Fussball WM. Ich frage mich jeden Tag, woher die Leute all die Zeit zum Schauen nehmen. Ich habe nicht einmal für mein alltägliches Leben genug Zeit. Nicht genug für meinen Liebhaber, nicht genug für meine Freunde.
Es ist eine Frage der Prioritäten. Tragen mich meine eigenen Beine durch das Leben, oder lebe ich dafür, den tribbelnden kleinen Männchen auf dem Rasen zuzuschauen?
Das Angebot an abendfüllender Unterhaltung ist überpräsent und günstig wie selten.
Ich lasse mich auch gerne unterhalten. Es sieht aber ganz danach aus, als müsste ich mir meine Prioritäten teuer erkaufen.
Zum Beispiel mit Season of the Horse im Kellerkino.
Das Unterhaltsame beim Kino beginnt schon beim Billetkauf, wenn der rothaarige Student sich verrechnet und man ihm den richtigen Preis vorschlägt. Satte 51 Franken für drei Billete immerhin. Und während er laut nachrechnet und Zahlen wie Würfelaugen zu blinzeln beginnen, Summen sich überschlagen, schlägt man ihm vor, dass man eigentlich genauso gut um den Preis würfeln könnte. Dann lacht er zustimmend, und man merkt, dass er jeden Leichtsinn in Erwägung ziehen würde, der ihn aus diesem Kinobilletverkaufsschalterhäuschen spicken würde.

Das spannende am Kellerkino ist, dass der Student in der Pause die riesigen Filmrollen wechselt und danach die Zuschauer mit einer kleinen Glocke an ihre Plätze zurückmahnt.
Es erinnert mich an unsere Jeune-filles. So hiessen die Kindermädchen, die aus der Deutschen Schweiz ins Welschland kamen, um Französisch zu lernen. Jeune-filles klingt mit Deutschem Accent so: Schön-fies.
Sie klingelten jedenfalls auch mit einer Handglocke. Immer mittags und abends läuteten sie uns Kinder und die Pensionäre, die in den oberen Stockwerken im Haus wohnten aus den Zimmern an den Esstisch.
Zurück ins Kellerkino. Der Film war ergreifend.
Es geht um den Zerfall des Nomadentums. Der Regisseur Nin Cai hat das Drehbuch geschrieben und spielt selber die Hauptrolle. Er rechnet nebenbei mit den Künstlern, den Beamten, den Städtern, den Händlern und den Werbefritzen ab.
Ich habe vom Anfang bis zum Ende des Filmes geheult. Es ist meine eigene Geschichte, die vor meinen Augen ablief, und es rührte mich zu Tränen, das zu sehen.
Werde ich mich jemals an die Sesshaftigkeit gewöhnen?
Mais c’est une solution foutue d’être nomade aujourd’hui.
In der Mongolei haben die Nomaden die Dürre am Hals.
Hast du nicht die Dürre, hast du die Grünen an der Backe. Das sage ich jetzt lachend. Und wenn ich wüsste, wie man hier die Wörter streicht, würde ich die Grünen streichen und die Tierschützer schreiben. Streichen. Die EU. Streichen. Das Hochwasser. Die Seuchen. Auf jeden Fall hast du nichts zu lachen.
Es ist ein Film, der im ersten Moment harmlos scheint, aber er zeigt weit mehr als man verstehen oder sehen kann.

07.06.06

Vom Schneckenhonig, oder warum Holunder wie Geisterpisse riecht

Auf meinem Abendspaziergang wurde ich vom Duft der Holunderblüten überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Holunder schon soweit ist. Ich brach ein paar Blütendolden für eine Limonade ab. Der etwas herbe Geruch des Holunders erinnert mich immer an Geisterpisse.
Und das hat einen guten Grund:
Als Kind habe ich die Holunderblüten immer von den Bäumen bei den Ställen auf den Rinderweiden gesammelt. Dort konnte ich auf das Stalldach klettern und an die prächtigsten Blütendolden gelangen, die ja beim Holunder immer zuoberst im Baum wachsen. Ein alter Bauer hatte mir einmal erklärt, dass um die Ställe herum die Kräuter am besten gedeihen, weil der Boden so gut gedüngt ist. Die Sauerampfer, der gute Heinrich und die Brunnenkresse. Und natürlich der Holunder. Der alte Mann sagte auch, dass die Geister dort wohnen, wo der Holunder wächst. Die guten Geister. Darum lässt man den Holunder immer bei Ställen stehen, obwohl er manchmal so dicht an der Stallwand wächst, dass er mit der Zeit die Bretter der Stallwand eindrückt.
Von da an wusste ich, warum der Holunder so eigenartig herb riecht. Er wird von den Geistern gedüngt. Mir war auf einmal sonnenklar: Holunder riecht nach Geisterpisse. Da es gute Geister sind, ist der Duft zwar etwas unheimlich, aber nicht unangenehm.
Wenn ich an den alten Mann denke, fällt mir auch die Geschichte mit den Schnecken ein:
Derselbe alte Bauer kam zwanzig Jahre später des Weges, inzwischen war er uralt geworden, mit einer Plastiktüte in der Hand. Es war Herbst und ich hütete die Schafe an der Bergstrasse. Er blieb neben mir stehen und wir schauten eine Weile zusammen stumm über die weidenden Schafe. Weil er nach einer weiteren Weile immer noch nichts sagte, fragte ich ihn, wohin er unterwegs sei.
„Zu dir!“, sagte er, und streckte mir die Tüte hin. „Ich habe Schnecken für dich mitgebracht.“
„Schnecken?“ rief ich erschrocken. Mir wurde bei dem Gedanken, eine riesige Schüssel voller Schnecken aufzuessen ein wenig mulmig im Magen. Oder brachte mir der Irre etwa eine Tüte voller Gartenschnecken? Ich traute ihm alles zu.
Ein alter Bergamasker Schäfer hatte mir einmal selbst gemachten Hustensirup in einem Einmachglas angeboten. Es waren in Zucker aufgelöste Schnecken. Süsser Schneckenschleim wirkt Wunder, raunte er mir zu, während er seinen knorrigen Finger tief im braunen Zuckerschleim herumdrehte und rasch in den Mund führte.
Ich nahm dem alten Schneckensammler die Tüte ab. „So viele Schnecken?“, fügte ich erstaunt hinzu, aber meine Stimme klang sehr beunruhigt.
Jetzt lachte der Alte herzhaft: „Zwetschgen!“, sagte er, „es sind Zwetschgen, nicht Schnecken. Ich habe dich jetzt schön erschreckt, nicht wahr?“, und er strahlte vergnügt bis über beide Ohren.

10.05.06

Schafskälte

Heute Morgen geisterten die Eisheiligen in ihren Nebelgewändern und Dunstschleiern durch die Gassen...

21.12.05

Verschneite, stumme Winterwelt

Rückzug in die Berge,
eingehüllt in Erinnerungen, wie dicke Felle, in die ich mich verkrieche.
Gedanken sind vielleicht manchmal zu wenig materiell. So was felliges um die Phantasie zu transportieren ist doch manchmal gut!