13.02.08

Es ist Morgen Teil 5

Ich habe so schrecklich zugenommen, sagt meine Mitbewohnerin und setzt sich an den Frühstückstisch. Zeig mal, nicke ich schweigend mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung. Sie sieht nicht, sie spürt eher meine Aufforderung, so wie Blinde die Blicke der Gaffer spüren. Die unsichtbare Zeichensprache der Vertrauten. Sie hebt das Hemd und zeigt mir ihr Bäuchlein, das sie sich in so kurzer Zeit angefuttert hat. Und ich mag sie in dem Moment so sehr dafür, dass sie nachdenklich mit der Hand über die Rundung streicht und nicht zum Beweis das Fett zwischen die Finger klemmt.

09.02.08

Apokalypsieren Sie bitte.

Mir ist zum Glück eingefallen, dass ich seit Gestern einfach nur höchst prämenstruell bin, das heisst kompliziert, apokalyptisch und alt. Frauen fühlen sich insgesamt alt, wenn sie ihre Tage kriegen. Ältere Frauen, die sich eh schon pauschal alt fühlen, werden multipelalt. Wenn sie dann ihre Tage bekommen haben, fühlen sie sich erst einmal auch nicht viel besser. Aber wenigstens nicht mehr alt.

08.02.08

was

heute qbend hatte ich eine verabredung mit einerm jungen, na ja, er behauptet, er sei üilot, pilot, aber sicher kann man sich bei einer internet bekanntschaft ja nie sein. wir verschieben undser erstes treffen schon seiztt wochen, weil wir vermutlich beide so unschlüssige und schüchterne naturen sind. heute wäre also der abend gewesen, also der abend, aber ich muss nun morgen ganz unerwartet und spontan eine kranke kollegin ersetzen, das heisst um sechs aufstehen. wird aldso nichts mit dem piloten, wahrscheinlich wird das eh nie was.
was auch immer ‘was’ bedeutet.
darüber kanich jetzt den ganzen abend nachstudieren, was ich mir unter was in anführungsstrichen genau vorstelle.

26.01.08

Bride of Berserker

Zuerst die Glorifikation des Illegalen: Objekte in die Luft sprengen, Dope ticken, Waffen handeln.
Dann die Vergötterung des Harmlosen: Kicker spielen, Latte macchiato bestellen, Scheiben auflegen.
Bald dreht sich alles nur noch um die Sensation des Kastraten, der sich verkühlt hat bei dem Versuch, nahtlos in einen Teil der lebenden Bürolandschaft um ihn her hinüber zu wechseln.
Und ich säe weiter meine Unruhe und gehe mit meinen zig Schatten vorüber, ja Schlemihl, wärst du doch früher gekommen, hättest du dir den ganzen romantischen Ärger ersparen können.
Vorbei an den sich in der Sonne räkelnden Gebrochenen, die schon heute auf ihren Plänen für morgen stehen, die sich zu ihren Füssen spiegeln in der Pfütze von Erbrochenem.
Aber es geht nicht darum zu übertreiben hier wo sich längst nichts mehr reimt
Ausser der Attitüde, die an ihrem Platz ganz vorne in der Schlange keimt.
Well Jeffrey Lee, auch ich zog über diese Prärie wo die Traurigkeit wächst wie Steppengras.
Und die Ewigkeit war in meinem Gehen und dein Gesang in meinen Hüften.
Dennoch bohren die Zukurzgekommenen noch heute in meinem Leib nach Erdöl, dass sie Gewinn bringend fördern möchten und nicht nach würzigem, vergänglichem Mösensaft.
Oh Liebster, ich sehne mich nach deinen von der Überfülle trockenen Lippen, die an meinen Fingerbeeren saugten, als wären sie die letzte Nahrung auf dieser Welt.

05.12.07

Ueli und Capricia

Ueli und Capricia sind das verdrehteste Pärchen, das ich kenne.
Dazu muss man sagen, dass sich beide hier etwas fremd fühlen. Ueli hat Sorgen mit dem Arbeitsamt (Leistungen bezogen und neben her gearbeitet wie blöd) und seiner letzten Freundin (vergessen ihr das Auto zurück zu geben, für das sie ihm das Geld geliehen hatte). Capricia hat Sorgen mit der Wirklichkeit. Die Überweisungen von Papa halten sie zwar ganz gut in Schach, aber trotzdem. Irgendwas stimmt da nicht, denkt sie manchmal, nun wo sie immer noch tagelang auf der Kinderschaukel den Wolken zuguckt und es schon einige Zeit her ist, dass sie ihren Dreissigsten gefeiert hat. Ueli geht es oft nicht so gut, weil er nicht weiss, wie er neben all den Dingen, die er für andere Menschen tut auch noch der Welt helfen kann und eine Nähe zu Gott findet er auch nicht so leicht. Capricia glaubt, dass alles eintrifft, was man sich ganz stark wünscht.
Ueli wünscht sich eine spirituelle Frau die ihn begleitet, wenn er den Dalai Lama im Stadion anschauen fährt. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass er früher an Ostern immer die Rede vom Pabst im Fernseher anschauen musste und nicht richtig verstanden was der Mann mit dem spitzen Hut da erzählte, aber rausgehen und spielen war an diesem Tag sowieso verboten. Capricia wünscht sich einen geschmeidigen Mann, der sich auskennt mit der Welt. Dummerweise schläft Capricia deshalb mit beinahe jedem Mann, den sie auf ihren Entdeckungsreisen durch die Berner Nachmittage kennen lernt. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass ihre Mutter ihr damals erklärte, dass die Männer nur das Eine wollen. Dazu muss man sagen, dass Ueli und Capricia ordentliche Erwachsene sind, welche die Erwartungen ihrer Eltern nur sehr ungern enttäuschen.
Irgendwann haben sich die beiden dann ganz ihren Wünschen gemäss an einem Meditationskurs kennen gelernt. Zuerst war das eine feine Sache. Ueli spürte, dass er in Capricia eine unheimlich reine Seele gefunden hatte, die ihm viel Trost gab und Verständnis für seine Sorgen aufbrachte. Zudem war sie nicht so berechnend wie all die anderen, auf die er bisher herein gefallen war. Capricia fühlte sich plötzlich so sicher im Leben, nachdem Ueli ihr gezeigt hatte, wo Gott sitzt.
Leider hat sich da in letzter Zeit einiges geändert. Denn nun, wo Ueli erfahren hat, dass die Schlampe ihn ständig betrügt, fühlt er sich ziemlich verarscht, nach allem was er ihr gegeben und gezeigt hat. Capricia hingegen fragt sich nur, weshalb sie bei ihm nie einen Orgasmus hatte, wo sie ihn doch so tief liebte. Beide denken darüber nach, ob sie dem anderen nicht nochmals eine Chance geben sollten.

27.11.07

Roman und Myrrzha

Roman und Myrrzha sind das hübscheste, junge Pärchen das ich kenne. Sie sehen aus und kleiden sich wie Elfen, die einen Mad Max Krieg überlebt haben. Es ist schön, sie zu besuchen und ihnen zuzuschauen, wie sie langgliedrig und fein mit den Lichtstrahlen des Tages spielen. Sie verstehen sich wie niemand sonst darauf, mit mir in vollständig sorgloser Offenheit über all unsere Intimitäten und Wünsche zu sprechen. Ihre Tochter Helena ist eine hüpfende Sonnenblume, die sich abends vor dem Einschlafen überlegt, ob alle Nachbarskinder im Verlauf des Tages auch sicher einen Kuchen geschenkt bekommen haben. Helena ist dieses rotbäckige Goldlöckchen, von dem Eltern mit Verstand träumen.
Doch wenn Roman und Myrrzha unter sich sind, streiten sie ständig. Das bedeutet nicht nur keifendes Geschrei, sondern auch Mobiliar, das aus dem Fenster ihres Häuschens fliegt. Dieses Häuschen, das in einem Apfelgarten auf dem Land steht und total verdreckt ist. Es lässt sich nur über eine Düne aus Sand, Kinderspielzeug und einzelnen, herumliegenden Schuhen betreten. Der Vermieter droht immer wieder mit fristloser Kündigung. Besonders letztens als Roman den Lindenbaum im Garten umsägte, um daraus ein Geisterkanu für Helena zu schnitzen. Lindenholz eignet sich hervorragend zum Schnitzen, erwiderte Roman verständnislos. Im Flur haust Ruka, ein abgeschlagener Hund, der ihnen auf einer der frühen Traumreisen in den Süden zugelaufen ist. Ruka fletscht bei jedem Besucher die Zähne wie ein Höllenhund. Es ist eigentlich nur Zufall, dass noch niemand gebissen wurde. Auch wenn sie mich sieht, stellt sie sich mit gesträubten Nackenhaaren in den Eingang, obwohl sie mich seit Jahren kennt. Zum Glück ist sie aber meistens am streunen. Gekocht werden in diesem Haus prinzipiell nur Nudeln oder Reis mit Fertigsauce. Denn entweder ist Myrrhza zu müde und verzagt oder Roman kommt zu spät vor der Arbeit nach Hause, um einkaufen zu gehen. Sie hätten gern mehr Sex miteinander, aber weil das mit dem Berühren für Elfen immer etwas schwierig ist, lassen sie es bleiben. Meistens sind sie unsterblich in jemanden aus der Nachbarschaft verliebt. Ganz selten küssen sie. Mehr auf keinen Fall. Beide wissen von diesen Küssen und sie wären das Letzte, worüber sie sich ereifern würden.
Vor einem Jahr sind sie zu ihrem grossen Erstaunen von ihrem eigenen hechelnden Stöhnen erwacht und Roman ist auch gekommen. Letztens geschah das wieder. Nun ist Myrrzha schwanger. Ja so sind sie, die ungeborenen Seelen, sie suchen sich den Ort wo die Gischt der Wellen hoch schäumt. Weil manchen gelingt es nur dort, die Erde zu betreten.

24.11.07

Übrigens:

Zum Glück noch ein kleiner Nachtrag.
Es kann sein, dass Sie überhaupt nicht verstehen, wovon hier überhaupt die Rede ist. Dann gehen Sie am besten wie viele andere vor Ihnen auch an die Börse. Das hat zwar nichts mit Glück zu tun, ist aber immer noch besser als gar nichts zu haben. Selbstverständlich können Sie Ihre allgemeinen und persönlichen Verbesserungsvorschläge auch direkt dem Dow-Jones-Index schreiben. Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie einwenden, dass man den Dow Jones ja mit anderen teilen muss und dass das mit dem geteilten Glück so eine Sache ist. Aber glauben Sie mir, Sie werden seine Anteilnahme an Ihrem persönlichen Schicksal in jedem Fall spüren.

Ihre Glücksfee Dr. Jonka

21.11.07

Die 4 Formen von Glück

Es gibt exakt 4 Formen von Glück:

1. Das Glück,
das ist wie wenn man an einem Tag Ende Oktober über die schneefreie, aber eiskalte Alp Astras in Richtung Ofenpass geht und auf der ganzen, endgültigen Weite keine Menschenseele antrifft.

2. Das Glück,
das ist wie das Finden des letzten Heftes der dreiteiligen italienischen Rex-Ausgabe von Daniel Zezelj in einem Berg von abgegriffenen Comics auf der Flohmarktwiese des Plainpalais im fünften Jahr der Suche.

3. Das Glück,
das ist wie ................................................ (hier bietet sich Raum für Ihre höchstpersönliche Form von Glück).

4. Das Glück,
das ist wie eine Glühbirne, deren Fassung sich so hoch oben befindet, dass einem jemand behilflich sein muss um sie einzuschrauben. Meist dauert es Jahre bis man wieder mal jemandem begegnet, der sich dafür eignet. Zudem halten diese Glühbirnen meist nur sehr kurze Zeit. Dies bedeutet, dass man die meiste Zeit seines Lebens im Dunkeln verbringt. Auch wenn man sich da was ganz anders vorgenommen hat. Um sich davon abzulenken kann man natürlich wandern gehen oder etwas sammeln. Dies ändert jedoch nichts daran, dass man nach all den Jahren zusammengefasst nur einige wenige Tage glücklich war.

19.11.07

Spuren und Endlosschlaufen

Zum ersten Mal Langlaufski gefahren. Auch so ein Tabu meiner Jugend, das ich mir damals geschworen habe nie zu brechen. Auch dann nicht, wenn ich definitiv alt bin. (Weil ich nie das tun wollte, was gelangweilte, körperbewusste alte Leute tun, nur weil sie alles andere nicht mehr packen.) (Es hat etwas Beängstigendes, wenn man sich beginnt mit dem zufrieden zu geben, was möglich ist.)
Gut, ich entdecke nun den Reiz der Reduktion.
Denn Langlaufen ist eher wie Fliegen. Tranceartig. Zeitlupen-Loipen-Laufen. Dahin gleiten mit extrem langen Schritten. Wie Davonrennen im Traum. Ein ständiges Anlaufnehmen zum Abheben. Man schwebt in dieser schmalen Schneespur durch eine Traumwelt dahin.
(Es hat etwas genau so hypnotisch Beruhigendes wie damals, als ich noch ein Kind war und mit meinen Geschwistern stundenlang dem steten Kreisen der flitzenden Rennautos auf der Modellautorennbahn zuschauen konnte.)

16.11.07

Die klare Linie

Franziska und Max sind eines der süssesten Pärchen, das ich kenne.
In letzter Zeit findet Franziska, dass Max zuviel Fussball am Fernsehen guckt und zuviel Bier trinkt. Da sie sich zudem in ihren sexuellen Bedürfnissen nicht wahrgenommen fühlt, drängt sie auf Veränderung. Sie fragen gute Freunde um Rat, denen es vor kurzem ganz ähnlich ging und finden den Weg zur Paartherapie. Die Paartherapeutin fühlt etliche Sitzungen später genau wo das Problem liegt und macht folgenden Vorschlag: Franziska soll Max jeden dritten Sonntag zum Fussball ins Stadion begleiten. Max soll mit Franziska einmal im halben Jahr zu einem Tantra-Seminar in den Bergen fahren. Das mengenmässig ungleiche Verhältnis spielt hier nicht so eine grosse Rolle wie die aktive Toleranz, welche beide dadurch entwickeln werden. Punkt. Max findet die kosmische Welle, die beim Tantra durch seine Chakren wütet tödlich. Franziska findet die Ole-Welle im Stadion, die ihr die Arme hochreisst tödlich.
Da entdeckt Franziska etwas. Nun ist schon der dritte Abend in dieser Woche, an dem Franziska nicht zuhause ist. Max legt die Fernbedienung beiseite. Er geht auf den Balkon. Draussen regnet es. Da er keinen Hund hat, zieht er den Regenmantel an und geht mit sich selber raus. Mit etwas Glück wird er Franziska wieder begegnen. Sie lachen.
Die Paartherapeutin treffen sie glücklicherweise erst sehr viel später bei einem Besuch in der Hölle wieder an.

13.11.07

Corvatsch, Herbst 2007


„Du schmeckst gut!“ sagte der Schmetterling zu mir, nachdem er sich nun schon zum zigten Mal auf meinem verschwitzten Unterarm niedergelassen hatte, um von mir zu trinken. Dieser kleine Charmeur, dachte ich bei mir, eine solche Schönheit und dann steckt er seinen Rüssel in die stinkenden Pfützen auf der Haut von ausgepumpten, den Berg hoch stolpernden Touristinnen wie mir. „Nicht nur das, meine Liebe, im Sommer hätten wir uns auch unten im Tal hinter den Schweinemästereien in der Abluft der Klimaanlage treffen können oder in dieser Felsenrinne dort oben in der lange Zeit ein Kadaver vor sich hin gammelte.“ Dabei zeigte er mit einem seiner unglaublich zarten Flügel hoch in Richtung des von der goldenen Engadiner Herbstsonne beschienen Berghanges.

„Ich verstehe das nicht mein Bester,“ antwortete ich ihm. „Die Pracht deiner Erscheinung, die Farben, die Zartheit. Weshalb kannst du dich nicht um all die wunderschönen, wohlriechenden Blüten kümmern, die dir ihre duftenden Hälse entgegenstrecken? Was begeistert dich so an diesem vergifteten Gebräu, das mir aus den Poren schiesst?“ „Nun weshalb bist du so kleinlich Madame Jonka. Schau ich behalte meine Zartheit auch wenn ich im Duft der Kadaver geschlafen habe. Die Farben meiner Flügel verlieren ihre Leuchtkraft nicht, wenn ich an dieser Mischung aus Sonnenschutzcreme, Schweiss und Bier auf deiner Haut lecke. Gift ist etwas anderes.“

„Ja aber ein bisschen versaut bist du schon mein Guter.“ wandte ich ein.
„Kennst Du denn so viele versaute Männer, Werteste, dass dir deshalb unsere Begegnung gleichgültig sein könnte?“
„Nein eigentlich nicht,“ antwortete ich zögerlich. „Die meisten wären es wohl gern oder ersparen sich die ganze Mühe und begeben sich auf die Suche nach versauten Frauen. Doch wenn sie auf eine treffen verlieren sie ihre Zartheit und die Farben gehen meist in der Suche nach einem Alltag unter. Zu selten ist das, du hast schon Recht.“
Der Schmetterling zwinkerte mir wie einer Gleichgesinnten zu und flog hüpfend und unvorhersehbar neben mir auf und ab.

Einige hundert Meter weiter oben am Hang hatte ich genügend nachgedacht, um ihn mit einem weiteren meiner Zweifel zu konfrontieren.
„Vielleicht hast du ja Recht und die Zartheit ist eine ganz eigene, verwirrende Schweinerei. Aber masslos bist du allemal, so wie du dich an mir labst.“
Der Schmetterling lehnte sich entspannt zurück und fragte:
„Wie viele Vorspeisen bestellst du, wenn du essen gehst, Minka?“
„Bitte? Wieso fragst du mich das jetzt? Und überhaupt, die Frage ist doch welche und nicht wie viele?“
„No Madame Jonka. Ich würde immer mindestens so viele Vorspeisen für mich bestellen, bis die Bedienung nervös zu lächeln beginnt. Das ist der Unterschied zwischen dir und mir.“

Ich schmunzelte und ging langsam weiter über den noch warmen Hang, während ich die Lerchenwälder weit unter mir betrachtete. Endlos. Der Schmetterling liess sich auf einen Stein vor mir nieder und wandte sich mir noch einmal zu. Doch es lag schon etwas wie Abschied in seiner letzten Frage:
„Nun könntest du mich natürlich noch was Bedeutsames zu deinem Leben fragen, weil schliesslich die Begegnung mit einem sprechenden Schmetterling ja so was wie ein Wunder ist, nicht wahr. Oder möchtest du dir etwas wünschen, für die Zukunft?“
„Ach, mein teurer Freund, was soll ich dich fragen, was soll ich mir von dir wünschen. Du wirst hier oben in deiner Mächtigkeit bleiben und ich werde mit der Seilbahn runterfahren ins Tal. Dorthin wo niemand masslos ist und versaut schon gar nicht, oder dann gleich so fertig, dass es keine Freude mehr bereitet. Das Eldorado der Mittelmässigkeit wird mich von neuem umfangen und wird versuchen an mir zu lecken. Was bleibt ist die Erinnerung an die paar Stunden hier oben mit dir.“

Da flog der Schmetterling davon und als ich ihn schon kaum mehr sehen konnte, drehte er sich ein letztes Mal zu mir um und rief: „Du wirst dich an mich erinnern und auch an die letzten Zeilen, die mein alter Freund Hunter S. Thompson mir schrieb, als er die Farben dieser Welt für immer verliess:

„Ganz oben auf der Spitze des Berges sind wir alle Schneeleoparden.“

05.11.07

Ich beginne mich an die Schulter der Geschichten zu lehnen.

Der Eigensinn der Zeiten lässt unsere Erinnerungen wie eine Traubenbeere im Munde zergehen. Runde, reife Beere mit bitteren Kernen. Die Kerne spuckt er zuweilen aus.

29.10.07

.

Ich laufe beim Abschied immer rückwärts in Stangen hinein.

25.10.07

Es ist Morgen Teil 4

Meine Nachbarin bedankt sich fürs Pflanzengiessen mit einer Karte aus Kroatien, darauf sind Steingebilde zu sehen, Felsen und Felsbrocken. Sie schreibt: Wenn einem da nicht Hintergedanken kommen...! Ich komme nicht dahinter, welche Hintergedanken sie meint. Es hat bestimmt etwas mit Sex zu tun, so verbogen wie sie es formuliert.
Ich schaue die Karte genauer an und tatsächlich: Steine, die wie Schwänze aus dem Boden ragen. Da liegen riesige Monster unter der Erde, denke ich, und frage mich, ob ihr Hintergedanke auch die Ungeheuer ausdenkt, die solche Schwänze aus der Erde strecken.
Monster mit dieser brutal schnellen um sich schlagenden Kraft wie in Computerspielen, mit Schwänzen, die in der Landschaft gewöhnlichen Steinbrocken täuschend ähnlich sehen, aber auf höheren Levels dann für diese verblüffenden Überraschungsmomente sorgen.
Computerspielhelden sind eine sowieso ungeheuer wunderbare Phantasie am frühen Morgen.

19.10.07

Mein Businessplan

Ich brauche ein Marketingkonzept, ein Firmenlogo, eine Webseite und einen Businessplan. Das Wort Businessplan existierte bisher nicht in meinem Leben. Kommunikation ist auch so ein Wort, das ich völlig unterschätzt hatte. Das habe ich alles in einem Buch gelesen. Meine Zukunft ist übersichtlich in Kapiteln eingeteilt. Mein Businessplan. Hätte ich in jungen Jahren etwas Anständiges studiert, wüsste ich jetzt bestimmt Bescheid über Businesspläne und Marketingstrategien. Stattdessen kann ich mit zwei Fingern pfeifen, einen Esel basten, einem frischen Lamm den Geburtsschleim aus der Nase ziehen, ein Zielfernrohr justieren, aber auch nützliche Dinge wie mich selber aus Moorlöchern retten oder geizigen Bauern derart Schlimmes an den Hals wünschen, dass sie für den Rest Ihres erbärmlichen Lebens bei jedem Hagel- und Blitzschlag an mich denken.
Und nun denke ich selber an mich.

18.10.07

Wege im Herbst


Panoramawege. Gedankenversunken. Stufen aus Granit. Vorsicht, Schritt für Schritt. Aussicht. Die abgeweideten Berghänge scheinen im Herbstlicht wie abgeschabt. Verkratzt von den Trittspuren der Tiere. Wie mein Inneres. Herbstallerinnerstes.

Erinnerungen. Ruhe. Stille Melancholie. Beruhigung.


Pfade dem Bach entlang. Das Wasser in den frühen Morgenstunden bleiern. Dunkel. Undurchsichtig wie Stanniol.

Höhenwege. Gedankenlos. Schritt um Schritt. Luft. Lust. Wandlerisch. Im Höhenrausch.

Maroniwälder. Wegloses Herumstöbern im Laub. Kullernde Maronis auf Schritt und Tritt. Schlendere nachdenklich im bunten Wald, die Hände in den Hosentaschen, die gesammelten Waldmurmeln zwischen den Fingern klickend.

09.10.07

Viel

Irritierend ist, dass ich auf einmal Kontinuität vermisse. Es passiert zu viel und ich brauche meine Ruhe. Denkpausen. Sehne mich nach meinem fehlenden täglichen Trott, sorglos vor mich hintrotteln bis es Abend ist, ein bisschen Geld verdienen, ein Mittagsschläfchen halten, das würde mir jetzt gut behagen.

Überlege mir ein paar Tage ins Bergell zu fahren, Spaziergänge, Notizheft, Steinpilze, wilde Feigenbäume, Marroniwälder, Schafskäse, Buchweizenteigwaren, oh ja.

18.09.07

Besser als Sex

mir Musik vorspielen und mit mir trinken

15.09.07

Wahrnehmungen

Bouschteu (Baustelle) von 'Bern ist überall' und Mondoskop vom 'Atelier für Zufallsforschung', beides im Schlachthaus Bern sind meine dringenden Empfehlungen an all meine Berner LeserInnen.

14.09.07

Verständigung

Eine Unterhaltung mit meiner Thailändischen Nachbarin ist etwas vom spannendsten überhaupt. Ein permanentes Verhandeln um die Bedeutung der Worte. Ein Ja ist nur manchmal ein Ja, meistens ist es ein Nein oder ein Vielleicht. Darum geht es bei unseren Gesprächen nicht so sehr um die Bedeutung der Worte, sondern darum eine gemeinsame Lösung zu schaffen.

Ist der Brief zu dick?

Es kann nie zu dick sein, sagte die Briefpostschalterbeamtin und lächelte verschmitzt, als hätte sie etwas Zweideutiges gesagt.

13.09.07

Rapport

Meiner Mitbewohnerin - doch, das passt prima, du siehst gut aus! gesagt, als sie ging, unternehmungslustig geduscht, Fingernägel geputzt, Haare gefönt, ein passendes T-Shirt gefunden, guten Mutes ein, zwei, drei Telefone gemacht, (in der Schweiz macht man Telefone, wenn man telefoniert), keine Begleitung gefunden, egal, früher war ich auch immer alleine unterwegs, sehr guten Mutes etwas Kleines gegessen, was noch da war, gebratene Tomaten mit Speck und Spiegelei, darüber Basilikum und Schafskäse, dazu Brot, in der Zeitung nachgeschaut, wann das Theater beginnt, in der Küche herumgetrödelt, abgewaschen, gedankenversunken in der Zeitung geblättert, in der Wohnung herumgelungert bis auch der Mut ungut wurde, den Wäscheberg gebügelt, dazu Noir Désir gehört, beschlossen frisch geduscht mit einem Buch ins Bett zu gehen, meiner Mitbewohnerin - hallo! gerufen, als sie nach Hause kam. Es wieder nicht geschafft auszugehen.
Morgen schaffe ich es.

12.09.07

Hoi

Er stand an der Etikettiermaschine in der Migros, legte das Gemüse auf die Waagschale und suchte die Nummer mit dem Finger. Er grüsste mich und ich kam nicht dahinter, wer er war. Er trug eine Sonnenbrille. Ich war praktisch schon an ihm vorbei als es mir dämmerte: Er! Ich konnte nur noch knapp hoi sagen, was auf einmal sehr japanisch klang.
Fiona sah mich an und sagte: Lass uns zu den Eisregalen gehen, damit du abkühlen kannst.
Dort öffnete ich das Fach mit dem gefrorenen Spinat und steckte meinen Kopf hinein, dann wechselte ich zu den Käseküchlein um nicht aufzufallen. Fiona lächelte und fächelte mir mit den Eisfachtüren kalte Luft zu. Ich glühte und verstand nicht warum. Ich hätte so gerne ein wenig mit ihm geredet, irgendetwas gesagt eben, aber stattdessen lief ich weg.
Früher errötete ich nie.
Früher erkannte ich die Leute auf Anhieb.
Früher sagte ich nie hoi,
Ich sollte wieder öfter unter die Leute gehen, vermutlich.

04.09.07

Heimweg

Ich fahre durch die ganze Stadt von der Arbeit nach Hause. Im Marzili lese ich einen Gedanken auf, und wir radeln zusammen den Berg hoch Richtung Ostring. Meistens ist es eine Phantasie, die mein Radeln antreibt. Am Burgernziel beim Solarium ist die Ampel immer rot. Meine Träumerei fährt bei Rot weiter und hängt mich ab. Ich warte und mein Blick fällt automatisch auf die Reklame mit den goldhäutigen Blondinen. Sie präsentieren ihre gebräunten, blanken Bikinizonen, was mich irritiert. Ich staune und komme nicht dahinter warum. Vermutlich, weil das Artifizielle mir zu fremd ist. Wenn es grün wird, fahre ich traumlos weiter. Die Geschichten bleiben dadurch an den unterschiedlichsten Stellen unvollendet.
Heute zum Beispiel bin ich nicht sehr weit gekommen. Ich habe anfangs zu lange herumgeturtelt. Gerade als er mich dann endlich küsste, kam ich an der roten Ampel an. Gestern war ich mit zwei blauäugigen Burschen in einer Badewanne, mit solchen Geschichten komme ich am besten vorwärts. Und Vorgestern wusste ich an der vermaledeiten Ampel immer noch nicht, ob ich das schwarze oder blaue Kleid anziehen soll für das erste Rendez-vous.

02.09.07

Die Eicheln fallen viel zu früh, dieses Jahr.

Wenn die Eicheln früh fallen, wird es ein schneereicher Winter geben, sagte mir einmal ein alter Schäfer. Nun wusste ich aus Erfahrung, dass man alten Schäfern besser nicht alles glaubt. Dennoch sind mir seither jedes Jahr seine Worte eingefallen, wenn die Eicheln fielen.

01.09.07

klar

Ich habe als Kind nie begriffen, wie das mit den Bienen genau funktioniert. Ich wusste, dass man das Beispiel mit den Bienen machte, um den Kindern zu erklären, wie Babys entstehen. Aber ich wurde anders aufgeklärt. So wie alle, die behaupten, sie wären nicht aufgeklärt worden. Ich fragte und bekam Antworten. Ich begriff nichts. Ich fragte weiter, immer mit dem leisen Verdacht, dass mir das Wesentliche vorenthalten wird. Ich suchte nach Antworten ohne die Fragen zu kennen. Ich schaute mir die Bilder in Aufklärungsbüchern an. Sehr beliebt war auch das dicke Buch über Krankheiten. Am meisten beeindruckte mich der seitlich von oben bis unten durchgeschnittene Mann ganz hinten im Buch. Ich studierte die Zeichnung immer und immer wieder, ohne irgendeine Antwort darin zu sehen. Daneben war eine Frau. Sie war nicht halbiert. Aber man konnte sie aufklappen und dann sah man das innere der Frau. Man konnte sogar das Bauchinnere aufklappen und dahinter war ein Baby versteckt. Das war das Schönste überhaupt. Was ich eigentlich sagen wollte ist:
Ich habe die letzten Wochen zwei Bücher über die Vermehrung der Pflanzen gelesen und weiss nun endlich, wie das mit den Bienen funktioniert.