29.06.10

Glücksrollen


Ich verbringe die Tage mit Unterrichten, Kochen und im Garten. Es gibt so viel zu tun. Koche Stachelbeeren zu Gelee, setze Holunderwein an, ernte die Erdbeeren im Garten und mache Erdbeereis daraus. Ernte Hornveilchen und setze Veilchenessig an.
Ich gehe früh ins Bett. Kann aber nicht einschlafen. Ich könnte noch so viel tun. Der alte Martin hat mir einen Eimer voll Johannisbeeren überlassen. Die müssen auch noch verwertet werden. Erhebe mich wieder und gehe in die Küche. Koche die Johannisbeeren in einem grossen Messingtopf auf. Setze einen Hocker verkehrtrum auf den Küchentisch und binde ein Tuch an den vier Beinen fest. Stelle eine grosse Schüssel darunter. Schütte die heissen Beeren in das Tuch und beobachte, wie der Saft durch das Tuch in die Schüssel rinnt. Dann lege ich mich schlafen.
In aller Frühe erwache ich, unruhig, weil ich das Johannisbeergelee kochen und noch vor dem Mittag vietnamesische Frühlingsrollen machen möchte. Mit Houttuynia, diesem vietnamesischen Koriander, der im Garten so hübsch aussieht, und auch vorzüglich in Frühlingsrollen passt. Leider besteht seine geheime Mission darin, im Untergrund den gesamten Garten zu erobern. Seine Nachbarn Mädesüss und Borretsch beschweren sich schon. Dabei gibt Houttunynia immer den Anschein, mit allen gut auszukommen.
Nach der zehnten Frühlingsrolle habe ich es raus mit dem Rollen, gebe mal mehr Glasnudeln, mal weniger Sprossen hinein und packe alle zwanzig Frühlingsrollen mit zur Arbeit ein. Meine Arbeitskolleginnen müssen sie probieren. Die perfekte Frühlingsrolle kommt in mein Kochbuch.
Nach der Arbeit gehe ich in den Garten und jäte Beet für Beet durch. Jeden Tag ein Stückchen weiter. Nach zwei Wochen bin ich am anderen Ende des Gartens angelangt und beginne wieder von vorne.

24.06.10

Endlich Licht und Luft, rufen meine Füsse, und klatschen vor Freude in die Hände.

21.06.10

Velohelm, oder wie trainiert man Spiessigkeit

Heute Morgen fahre ich in die Stadt, nur um einen Velohelm zu kaufen.
Komme mit einem Stabmixer nach Hause.

Was Sie nicht wissen, ist, dass ich seit Jahren versuche einen Velohelm zu kaufen. Und jedes Mal komme ich mit einem anderen Gegenstand nach Hause.
Ich habe es ernsthaft und oft versucht: Habe in Sportgeschäften Velohelme aufgesetzt und mich beraten lassen. Ich habe alle Spiegel gemieden. Nicht auf den Preis geschaut. Und doch schaffte ich es nie. Es war jedes Mal ein Schock. Dann kam Panik. Flucht. Inzwischen traue ich mich schon gar nicht mehr in ein Sportgeschäft. Trotzdem versuche ich es immer wieder. Es kostet mich so viel Überwindung, dass ich mich vorher darauf einstimmen muss. Also gehe ich in irgendein Geschäft zum Trainieren. BHs oder Staubsauger, Diktiergeräte oder Nagellack, wenn man etwas braucht, dann kauft man es. Brauche ich einen Velohelm? Ja. Bei meinem nächsten Velounfall falle ich bestimmt auf den Kopf. Ich hatte bisher immer Glück. Aber ich will keinen Velohelm tragen. Ich sehe damit bescheuert aus. Und nicht nur das. Es ist nicht mein Stil. Ich hasse Velohelme. Ich bleibe bei den Stabmixern stehen. Ich brauche auch schon lange einen Stabmixer. Wenn ich mir einen Stabmixer kaufen kann, dann schaffe ich das auch mit einem Velohelm, sage ich mir, und schreite mit dem Übungsgegenstand an die Kasse.
"Da haben Sie ja den Rolls Royce unter den Stabmixern ausgesucht“, sagt die Verkäuferin und zwinkert mir zu.
Ich zahle und fahre mit meinem Rolls Royce nach Hause.

18.06.10

Männer, die Bier aus der Dose trinken.

Männer, die Bier aus dem Glas trinken.

Männer, die Bier aus der Flasche trinken.

Frauen, die Männer dabei beobachten, wie sie Bier trinken. 

16.06.10

Selbstbildnis als indefiniter Artikel im Plural.

15.06.10

Lebewohl

Nun stand der Taugenichts vor einem Rätsel. Das Rätsel hieß Christine und war ein Mädchen.
"Ich liebe dich", sagte der Friedrich zu der Christine.
"Haha", lachte das Mä
dchen, "das kann jeder sagen!"
"Ach", rief der Taugenichts, "wenn du mich nicht verstehst, dann wird es eben jeder sagen!" Und er sagte zu ihr: "Lebewohl!" 
(Günter Bruno Fuchs)

Die Nacht des Erbrechens.

Eine schlaflose Nacht beschreiben.

08.06.10

Liebe

Vorstellungen funktionieren im Leben fast nie.
Und es ist eine der vermutlich schwierigsten Aufgaben im Leben, von den Vorstellungen abzuweichen.
Mit den Männern meiner Vorstellung kann ich nicht leben. Ich kann mein ganzes Leben daran festhalten, es immer wieder versuchen und immer wieder feststellen, dass ich diese Männer gar nicht aushalte. Keinen Tag.
So ist es auch mit der Vorstellung von einem Leben, das man leben möchte, zum Beispiel von einem Haus auf dem Land, mit einem Mann, einem Garten, einem Hund und einem Truthahn. Man stellt sich ein unbeschwertes Leben vor und hat nur Arbeit am Hals.
Oder die Vorstellungen in jungen Jahren, von einem Leben in Hausgemeinschaften, alles zu teilen, zusammen ein Geschäft zu gründen, es funktionierte alles nicht. Man muss die Dinge selber machen.
Das einzige, was funktioniert, ist Liebe.
Auf der anderen Ebene der Vorstellungen.

06.06.10

Regenerationen

Ferien und keinen Plan

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Ich fahre an den Doubs. Der Doubs ist ein Fluss an der französischen Grenze. Zeitweise fliesst er in einer tiefen, wilden Schlucht und man kann tagelang in dieser gottverlassenen Gegend den Fluss entlang wandern. 

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Als Gymnasiastin hatte ich einen Tag, der mir gehörte. Mein Tag. Es war der dritte Mai. Ich weiss nicht, warum es der dritte Mai war. Aber das ist nebensächlich. Hauptsächlich war es mein Geheimnis. An diesem Tag schwänzte ich die Schule und unternahm etwas für mich. Niemand wusste davon. Niemand wusste, was ich machte oder wo ich war. Ich fuhr meistens an den Doubs. Ich wanderte, picknickte und fuhr gut drei Stunden wieder mit dem Zug zurück nach Zürich. 

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Es regnet. Ich wandere trotzdem los. Nach ein paar Stunden sind die Schuhe nass, die Hose, die Regenjacke, alles ist nass. Ich stapfe weiter und meine Gedanken stapfen auch: Sie streiten mit der Chefin, schreiben ihr Briefe, schreiben immer wieder Kündigungen, diskutieren stapfend und bringen alles auf den Punkt. Dann bin ich erschöpft, durchnässt und treffe auf ein kleines Hotel.Meine Rettung.

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Bis zum Abendessen in einem Palmen-Strand-Motiv Bett regenerieren. Als hätte die Tochter des Hauses die Bettwäsche ausgesucht.

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Ein dicker Amerikaner bestellt etwas umständlich Fondue. Er spricht kein Französisch. Die Kellnerin muss zuerst in der Küche nachfragen, ob es auch Fondue für nur eine Person gibt. Gibt es.
Ich bestelle Forelle Blau, dazu wird Buttersauce und eine Kartoffel serviert. Weisswein.

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Der Weg am Fluss. Den Blick auf meine Schritte gerichtet. Die Gedanken bei mir.
Wer bin ich. Wer war ich.
Lauter Erinnerungen.
Gehen und erinnern. Hier und da anhalten und gucken.
Fliegenfischer stehen mit ihren schenkelhohen Gummistiefeln im Wasser. Ich könnte ihnen stundenlang zusehen. Pêche a la mouche.
Später ein Wanderfalke.
Weitergehen und nachdenken.

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Das kleine Hotel an der Grenzbrücke.

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Das Hotelbett zerwühlen. Den anspruchsvollen beanspruchten Körper bis zum Abendessen regenerieren.

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Zwei Forellen und eine Kartoffel. Bier. Danach Rotwein.

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Vom dritten Tag an bin ich endlich eingelaufen. Jetzt laufe ich. Zügig und leichtfüssig. Sicher.  Acht Stunden. Ich weiss nicht, wie es Ihnen in so Situationen geht, aber wenn ich den Alltagsstress hinter mir gelassen habe, über mich und das Leben nachgedacht habe und mich ausreichend erinnert habe, dann gibt es nur noch Wahrnehmen. Nur noch Lauschen. Nichts als Vogelgesang.
Wenn Zwitschern auf einmal einen weiten Raum bildet.  Architektur des Vogelgesangs.
Oder das Rauschen des Wassers. Wenn der Fluss zum Begleiter wird.
Nur noch riechen. Blüten, Düfte und würzige Luft. Den Schatten riechen. Die Kälte. Die Dunkelheit der Schlucht riechen.

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Stehen bleiben, besessen vom genau diesem feuchten, moosigen Geruch. 

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Alles ist mit Moos bedeckt, die Bäume sind in Moos gewickelt, in saftig, leuchtendes Grün getaucht, ein unheimlicher Wald, geisterhaft.

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Lege mich ins Moos. Es ist feucht. Weich. Duftend. Wenn jetzt der dicke Amerikaner vorbei käme würde ich ihn ohne Vorwarnung zu mir runter ins Moos ziehen.

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Ach ja, der dicke Amerikaner. Warum ausgerechnet der. Er sah etwas spiessig aus. Fantasien sind sonderbar. Sie ankern sich irgendetwas Reales und die Imagination führt es durch alle denkbaren Variationen. Eigentlich fast jede Person, die mir begegnet ist, wurde für früher oder später geankert. Und in der Phantasie kann auch etwas Unattraktives wie ein dicker Amerikaner auf einmal reizvoll sein. Wenn ich mir Sex mit dem biederen innerschweizer Paar vorstelle, das am anderen Tisch sass und Saftschinken bestellte... Nein, das führt jetzt zu weit.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber wenn ich beim Wandern sozusagen das Wahrnehmungs-Level erreicht habe, und acht Stunden lang nur laufe, laufe und laufe, dann denke ich acht Stunden lang nur an Sex. Wenn der dicke Amerikaner wüsste, dass ich ihn an dem Tag vier Mal verführt habe. Meine Fantasie ankerte sich auf einmal die Situation im Hotel, wie ich ihn anspreche, kokett, was ich sage, was er sagt, Wort für Wort, seine Verlegenheit, er ist gar nicht Amerikaner, sondern Finne, so sexy, und wir tête à tête Fondue essen,  mit den Variationen: Wir gehen in sein Zimmer - er ist steinreich und hat die Deluxe Suite, mit Champagnerbad und Seidenbett - nächste Variation, wir gehen in mein Zimmer - das Licht bleibt aus, wegen der Palmenstrand Bettwäsche, es ist stockdunkel und er leckt mich bis ich drei Mal komme.  Später muss meine Fantasie sich unbedingt noch die zufällige Begegnung im moosigen Wald ausdenken, auch in zwei Vernaschungsvarianten.
Die Fantasien sind so schön, dass ich sie gleich noch ein paar Mal mit weiteren zufälligen Begegnungen halluziniere. 

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Das Hotel in der Moosschlucht. Ein rothaariger, junger Mann empfängt mich träge. Er kann nicht sagen, ob noch ein Zimmer frei ist. Ich sehe nirgends Gäste. Er ist irgendwie ratlos. Habe unwillkürlich das Gefühl, ihn beim Gameboyspielen gestört zu haben. Oder beim Masturbieren. Vielleicht ist das gar kein Hotel mehr, sondern eine Wohngemeinschaft. Würde mich nicht wundern, wenn er mir das frische Bettzeug gleich in die Hand drückt, ich soll mir oben selber ein Zimmer suchen.
Ich setze mich erstmal hin und warte. Er bringt mir ein Leffe.

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Das wohlverdiente Bier.

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Warte und lösche aus Versehen all meine Fotos.

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Später kommen die Eltern des Rothaarigen. Es ist also ein Familienhotel.
Bekomme ein schönes Zimmer. Gebe bis zum Abendessen meinen Körper dem Bett zur Regeneration hin.

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Ich wähle das Menu du Chef. Natürlich Forelle. Es ist die beste bisher. Vielleicht sogar die beste Forelle meines Lebens. Ich sage es ihm. Er ist geschmeichelt. Er lächelt. Es ist ein schöner Mann. Und er kann vorzüglich kochen. Ich lächle zurück.

29.05.10

Tage, die das Leben verändern

Es war einer dieser Tage. Tage, die schonungslos mit einem umgehen. Tage voller Fallgruben.
In der Agenda war ein Fisch gekritzelt. Mein geheimes Zeichen für Periode. Nic sagt Periode. Ich mag, wenn sie es sagt. Es klingt ein bisschen altmodisch. Ich sage Mens. Ich sollte an diesem Tag also meine Periode bekommen, was immer ein Grund zum Jubeln ist. 
Ich unterrichtete vormittags. In der Mittagspause kam meine Mens. Festgestellt, dass der erste Tag auch nicht besser als die Tage zuvor war. Nachmittags unterrichtete ich eine andere Gruppe. Mitten im Unterricht kam der Ehemann einer Kursteilnehmerin zu Besuch, setzte sich in die Klasse hinein. Er war stark alkoholisiert. Ich bat ihn, nach Hause zu gehen. Er wollte bleiben. Ich ging mit ihm vor die Tür und sprach mit ihm. Ich hasse meine Funktion als Lehrerin manchmal. Er war ein netter Kerl, leider sehr betrunken. Ich musste ihn überzeugen, dass er wieder ging. Er wurde ausfällig. Beschimpfte mich. Er reklamierte laut, breit und schwankend. Er jammerte. Er beleidigte. Es war enorm anstrengend. Ich blieb ruhig. Überzeugte ihn einfach. Er ging.
Nach dem Unterricht wollte meine Chefin mich noch sprechen. Ich sehe sie sozusagen nie. Ich war erschöpft und neugierig. Und pauschal empfänglich für ein kleines Lob. Stattdessen schrie sie mich an. Ich schrie zurück. Ich wollte nicht schreien. Aber sie war ungerecht.
Ich bekam eine Abmahnung.
Meine Freundin Lou sagt, ich hätte das Monatshoroskop lesen sollen. Dort steht, dass mich irgendeine Planetenkonstellation streitsüchtig macht und ich mich diplomatisch verhalten sollte.
Ich hätte auf der Stelle kündigen sollen.
Inzwischen haben wir uns ausgesprochen und versöhnt. Die Abmahnung war ein Fehler und wird zurückgezogen. Natürlich will sie mich behalten.
Der Gedanke einfach zu kündigen macht mich zuweilen froh. Ich hätte grosse Lust auf eine Veränderung. Veränderungen machen mich lebendig. Sie machen mir auch ein bisschen Angst.
Ich werde jetzt erstmal Ferien machen. Zwei Wochen. Die Planeten bewegen sich ja auch.

28.05.10

Eine Wegwarte wächst im Garten. Ein seltenes Glück. Die Nachbarin denkt, es sei Unkraut, und jätet sie weg.

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Die Feuerstelle

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Die Sitzung mit Minimars und Minitwix und Minimilkyways

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Die erste Holunderblüte

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Der Zahnarzt, der über meinen aufgesperrten Mund hinweg mit der Assistentin Belanglosigkeiten austauscht.

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Laster

27.05.10

Eine schlaflose Nacht beschreiben.
Ein Wort aufschreiben. Nur ein Wort. Immerhin ein Wort.
Mille Plateaux

09.04.10

Eh, der Frühling.

Ich bin zu sehr mit meinem Kram beschäftigt um zu schreiben. Gerade habe ich eine Darmgrippe überstanden. Ich lag zwei Tage harrend im Bett. Wagte nicht mich zu bewegen. Die kleinste Bewegung - ohjemineh.  Also wartete ich regungslos und tapfer, bis das ganze Übel vorüber war. Ich starrte an die Decke oder hielt die Augen geschlossen. Darüber hinaus sammelte ich keine Eindrücke, keine Gedanken. Die Zeit blieb stehen und der Schlaf war traumlos.
Heute geht es mir besser.
Als erstes saugte ich die alten Spinnennetzfäden von den Zimmerecken. Dann hängte ich zwei Bilder von der Schlafzimmerwand ab. 

Eben habe ich mir eine feine, klare Brühe gekocht und kleingehackte Gänseblümchen beigegeben. Eine Gänseblümchensuppe. Mit gerösteten Brotstückchen. Genau das Richtige für meinen Magen.


Ich habe die letzten Wochen viel gearbeitet. Aber auch viel verdient. Vielleicht bin ich krank geworden, weil ich mich überarbeitet habe. Ich muss wirklich lernen, besser auf mich zu achten.

***

Über Ostern war ich bei meiner Mutter für den Umzug packen helfen. Sie hat ihr Haus verkauft und zieht in eine Wohnung. Wir haben das ganze Haus in Schachteln verpackt. Natürlich mussten wir das meiste weggeben, so ein Haus hat ja kaum Platz in einer kleinen Wohnung.
Ich bekomme auch ein paar Sachen. Die Papierschneidemaschine von meinem Vater zum Beispiel. Die Motorsäge, samt Schutzanzug, Helm und Kettenöl. Und einen kleinen Hocker, den meine Mutter in jungen Jahren mit einem selbst gemachten Plüschkissen bezogen hatte. Sie erzählte mir auch die Geschichte zu dem Hocker, die mit einem Verehrer zu tun hatte. Es war ein freundlicher, junger Mann, der ihr mit schüchterner Aufrichtigkeit den Hof machte, aber meine Mutter hatte sich eigentlich in seinen Bruder verliebt, der leider schon eine Freundin hatte. Die Rolle des Hockers in der Geschichte ist mir leider entgangen. Es war eine traurige und schöne Geschichte. Voller unerfüllter Sehnsucht.

***

Inzwischen ist hier der Frühling eingezogen, die Sonne wärmt, die Menschen sind bereit. Die Natur ist erregt. Die Blicke der Männer sind es auch. Eh, der Frühling.
Ich bin guten Mutes.

***

Lese jeden Tag ein paar Seiten in dicken, uralten Kräuterbüchern, die leider auf Englisch geschrieben sind, und darum komme ich nur langsam voran. Schreibe hier und da etwas heraus. Freue mich auf all die Rezepte, die ich noch ausprobieren werde.
Als nächstes werde ich Veilchen verzuckern. Habe jetzt ein altes, noch besseres Rezept gefunden.

***

Und morgen werde ich mit Nic einen Spaziergang in den Bergen unternehmen.

25.03.10

Der erste Veilchensalat dieses Jahr

Liebesduft

Die Luft ist belebt von Veilchenduft. Noch bevor man die Veilchen entdeckt, nimmt man bereits ihren Duft wahr. Veilchengeruch ist leidenschaftlich. Ursprung aller Düfte. Denkt man an ihn, meint man ihn schon zu riechen. Er dringt zum Herzen. Er erweckt Erinnerungen an Melodien, Träume und die erste Liebe.
Die Veilchen duften so stark und süss, weil sie so begeistert und erregt vom Frühling sind, dass sie die ganze Welt an ihrem Glück teilhaben lassen. Sie verschwenden sich aus Leidenschaft.

24.03.10

Mittagspause

Die Maler auf der Parkbank mit weissen Farbflecken auf ihren weissen Latzhosen. Als ich vorbeiradle, riecht es nach frisch gekifft.

23.03.10

Bikini intensiv mit weiblichem Dreieck

Es heisse Bikini intensiv, belehrt mich die Kosmetikerin und fragt, ob ich Bikini intensiv total wünsche.
"Nein, nur intensiv", sage ich.
"Strip oder triangle?"
"Ein Dreieck wäre schön."
"Kleines?"
"Nein, so normal."
"Ein weibliches Dreieck also."

22.03.10

Ein gewöhnlicher Alptraum

Ich halte einen Vortrag. Er wird gleichzeitig in 10 Sprachen übersetzt. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Ich habe schlecht geschlafen, aber zum Glück alles aufgeschrieben, was ich erzählen werde. Suche meine Unterlagen in der Handtasche.  Habe sie zu Hause vergessen.
Leider wache ich nicht auf.

16.03.10

Fleissige Stunden im Garten

15.03.10

Telefonieren

So sitzen wir uns an den Monitoren gegenüber, wie alte, steinerne Buddhas.
Mit der Gewissheit all der gelebten Leben in uns.
Erzählen uns
und schauen einander zu, wie wir uns Mühe geben, mit dem guten Leben.

09.03.10

Das dritte Ster Holz diesen Winter

Die schlotternden Berufsschülerinnen an der Haltestelle
Die gebackenen Endivien im Schinkenmantel

Der Spaziergang im Wald

Der Tagesschau-Besuch bei der alten Nachbarin

Die Bettlektüre

07.03.10

Verschwendete Liebe

Lese Sibylle und die Feldblumen. 1937. Von Friedrich Schnack. Seltsamerweise kann ich die Frakturschrift nur lesen, wenn ich vorlese. Beim stillen Lesen komme ich fast nicht voran. Ich stolpere immer über das S, ck und das T. Wenn ich laut lese, trägt mich meine Stimme einfach über die Stolpersteine hinweg.
Lese mir also das Buch vor. Dieses Buch eignet sich vorzüglich zum Vorlesen. Von all den Büchern, die ich gelesen habe, gab es nur zwei Bücher, die sich zum Vorlesen wirklich eigneten. Das Andere ist von Ferlosio, die Abenteuer des Alfanhui.
Sich selber vorlesen ist aber wie alleine Tango tanzen. Oder unbeobachtet Strümpfe ausziehen. Es ist ein bisschen traurig.

03.03.10

Wort und Fleisch

Heute habe ich eine Mail bekommen von meinem ehemaligen Lehrling. Er nennt mich noch immer Stella. Als ich in Deutschland lebte, nannte ich mich Stella. Weil ich guter Laune war und alles verändern wollte. Neuer Ort, neues Leben, neuer Name. Ich suchte einen passenden Familiennamen und kam auf Sturzbach. Stella Sturzbach. Was ich nicht im Geringsten peinlich fand. Herrje. Ich stellte mich überall mit Stella vor, es kannte mich ja niemand. Sogar meinen Briefkasten schrieb ich mit Stella an. Meine Lehrlinge und die Zivis nannten mich Stella, und über die Tankstellenfrau breitete sich der Name wie ein Fegefeuer im Dorf und in der Umgebung aus.
Nach ein paar Monaten war mir der blöde Namen so verleidet, dass ich jedes Mal einen Stich verspürte, wenn ich mit Stella angesprochen wurde. Ich vermisste meinen Namen. Ich verstand auf einmal, warum am Anfang das Wort war, das Fleisch ward. Stella war nicht mein Fleisch. Ich wollte wieder Minka heissen. Eines Tages sagte ich: Leute, ich bin gar nicht Stella Sturzbach sondern Minka. Nennt mich von nun an Minka. Es klappte nicht. Ich hiess Stella. Himmel.

01.03.10

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 4: Hieb- und stichfest – Knistern
* 
Tuxedomoon und Yann Tiersen. Trost.

26.02.10

Zwiegespräche

"Wer ist Minka?", fragt eine neue Kollegin im Lehrerzimmer.
"Die, die gerade mit dem Kopierer redet", sagt die Praktikantin und kichert.
Meine Arbeitskolleginnen finden das lustig. Ich bin so. Es ist eine alte Gewohnheit. Ich spreche mit Dingen. Der neue Kopierer ist mein bester Freund am Arbeitsplatz. Er kann enorm viel und ist zuverlässig. Nur die Schneidemaschine hat mich neulich so geärgert, dass ich sie nie mehr anfasse. Wir haben richtig gestritten. Ich habe geflucht und sie hat immer krummer zurückgeschnitten.
"Du hast nichts dagegen, wenn ich deine Ex brauche", fragt mich eine Kollegin, und legt Papier in die Schneidemaschine.
Ich mag meine Arbeitskolleginnen. Langsam verstehen sie mich.

25.02.10

Frühlingsgesang

Der kreolische Junge im Tram singt zehn Minuten lang pausenlos: Isch liebe disch, ischliebe disch ischliebe dischisch liebe dischischliebe dischischliebedisch, während seine Mutter telefoniert. Als sie das Handy zusammenklappt singt er: Isch lieb’ den Frühling, isch lieb’ den Sonnenschein, aber weiter weiss er nicht. Darum verfällt er übergangslos und weitere zehn Minuten in seinen repetitiven, hochgradig tranceartigen ich-liebe-dich Schamanengesang.