Potzmillionen Speck mit Bohnen
(oder heideblächle, wie meine Mutter sagen würde)
03.02.12
02.02.12
Meine neuen Arbeitskolleginnen
Kaffeepause. Wir sitzen im Café und lesen einander die Sprüche unserer Zuckertüten vor. Und landen beim Thema Heiraten. Drei haben nie geheiratet. Die vierte sagt, dass sie einen secondhand Mann geheiratet hat. Frage mich, warum sie das so sagt. Sie hilft mir auf die Sprünge: "Ein Mann aus zweiter Hand, verstehst du, er war schon einmal verheiratet". Ich nicke, obwohl ich noch nicht ganz verstehe. Sehe die erste Frau vor mir, wie sie den Mann aus der Hand gibt. Wie ein Buch. Wie heisst es bei den antiquarischen Büchern noch: mit stärkeren Gebrauchs- und Alterungsspuren und kleinen Schäden. Ob sie das gemeint hat?
"Warum hast du nie geheiratet?", unterbricht eine Kollegin mein Nachdenken.
"Ich fand heiraten spiessig", sage ich.
"Hattest du nie den Wunsch, ein Hochzeitskleid zu tragen, Braut zu sein..."
"Nein. Ich war früher nicht so romantisch. Heute schon."
"Und wie ist es bei dir?", frage ich zurück.
Die Kollegin erzählt, dass sie zwanzig Jahre in Tschad gelebt hat, Entwicklungshilfe, keinen passenden Mann gefunden hat, ein ausreichend ausgefülltes und beschäftigtes Leben hatte und das Eheleben nicht vermisste.
Ich sehe sie an, und mir fällt ein, dass sie wie eine Frau aussieht, die nie Sex hatte. Überlege, warum man das einer Frau ansieht. Man sieht einer Frau ja auch an, wenn sie Sex hatte. Denke an diesen weichen Glanz der Lüsternheit in den Augen, an das Losgelöste in den Bewegungen, das gewisse Timbre in der Stimme, kann aber nicht zu Ende denken, weil ich die dritte Kollegin gerade sagen höre: "...und dachte immer, dass er eigentlich nicht der Richtige ist. Und so haben wir nie geheiratet. Jetzt sind wir zwanzig Jahre zusammen."
"Warum hast du nie geheiratet?", unterbricht eine Kollegin mein Nachdenken.
"Ich fand heiraten spiessig", sage ich.
"Hattest du nie den Wunsch, ein Hochzeitskleid zu tragen, Braut zu sein..."
"Nein. Ich war früher nicht so romantisch. Heute schon."
"Und wie ist es bei dir?", frage ich zurück.
Die Kollegin erzählt, dass sie zwanzig Jahre in Tschad gelebt hat, Entwicklungshilfe, keinen passenden Mann gefunden hat, ein ausreichend ausgefülltes und beschäftigtes Leben hatte und das Eheleben nicht vermisste.
Ich sehe sie an, und mir fällt ein, dass sie wie eine Frau aussieht, die nie Sex hatte. Überlege, warum man das einer Frau ansieht. Man sieht einer Frau ja auch an, wenn sie Sex hatte. Denke an diesen weichen Glanz der Lüsternheit in den Augen, an das Losgelöste in den Bewegungen, das gewisse Timbre in der Stimme, kann aber nicht zu Ende denken, weil ich die dritte Kollegin gerade sagen höre: "...und dachte immer, dass er eigentlich nicht der Richtige ist. Und so haben wir nie geheiratet. Jetzt sind wir zwanzig Jahre zusammen."
01.02.12
Vorknöpfen
Grosse Knöpfe am Kleid sind ja auch eine Art Botschaft. Es hat was Gutmütiges, Argloses. Eine Frau, die grosse Knöpfe trägt, möchte apart, stilvoll wirken. Aber sie wirkt eher wie eine anthroposophische Ergotherapeutin. Sie will auch beim Aufknöpfen bloss keine Umstände machen. Im Grunde ist sie harmoniebedürftig.
Bei Kleidern mit durchgehend kleinen Knöpfen verhält es sich noch anschaulicher:
Eine Frau mit einem durchgeknöpften Kleid empfindet es als sinnliche Geste Knöpfchen für Knöpfchen zu öffnen. Sie wünscht sich romantische Umstände. Die Anzahl offener Knöpfe verrät offensichtlich, wie sehr man sich um sie bemühen muss.
31.01.12
Heute
Im Marzilibähnli treffe ich Glenn. Wir ziehen gleichzeitig die Stöpsel aus den Ohren und lächeln uns an. Er sagt, dass ich ein hübsches Kleid trage. Er ist schwul und achtet auf so was. Ich frage, wie es ihm geht. Er hat neun Monate lang bei mir Deutsch gelernt. Wir unterhalten uns über das Leben in Bern, die Liebe und die Kunst. Der Tag beginnt fabelhaft.
Im Tram sehe ich einem Mann zu, der seine Haare zu einem Pferdeschwanz bindet. Wie er ein dutzend Mal über den Kopf streicht und dabei abwechselnd mit der rechten und linken Hand die Haare zu einem Schwanz bündelt. Stelle mir vor, wie es aussehen würde, wenn er wichst. Frage mich, ob das nun abartig ist. Ist es nicht. Er hat damit angefangen.
Im Unterricht schreiben wir einen Lebenslauf. Lebensläufe mit Leben aus Lücken. Leben aus Militärdienst, Krieg und Lücken. Leben aus Flucht und Lücken. Leben aus sechs Grundschuljahren und Lücken. Leben aus fünf Grundschuljahren und zehn Jahren Familienfrau. Scheidung. Flucht. Kinder in Syrien. Wir schreiben einwandfreie, lückenlose Lebensläufe.
Oskar. 36 Jahre alt. Kolumbianer. Schulen und Konservatorium. Saxofonspieler. Hat 14 Jahre als Musiker da und dort gearbeitet. Verliebt sich in eine Schweizerin, heiratet und zieht in die Schweiz. Leben aus Musik und Liebe und Lücken.
Nsur, 25 Jahre alt, Eritreer, hat nach der Grundschule drei Jahre Militärdienst geleistet. Mit 18 Flucht in den Sudan. Dort als Gipser und Sonstiges gearbeitet. Mit 22 Flucht nach Lybien. Dort als Fussballspieler gearbeitet. Mit 24 Flucht nach Italien. Auf seinem Aufenthaltsbewilligungsausweis ist ein Foto. Er sieht darauf aus wie 40. Du siehst alt aus auf dem Foto, sage ich. Das war nachdem ich mit dem Boot in Italien ankam, sagt er. Ich habe überlebt. Leben aus Überlebenslücken.
Sitzung am Mittag. Alle sind hungrig. Unterzuckerte Frauen reden zu schnell und zu hoch. Die geschmeidige Kollegin mit dem weichen Bauch. Der warme Busen unter dem Pullover. Mein Beinwippen.
Fünfzehn Minuten Wartezeit auf der Post. Die Digitalanzeige behauptet das. Ich vermute eine Stunde. Gehe lieber Winterschuhe kaufen. Finde keine Schuhe. Kaufe stattdessen Lammschulter, Kartoffeln und Feldsalat ein. Und Champagner. Möchte einen Champagnerabend. Ein junger Mann an der Ecke fragt mich, ob ich Kleingeld habe. Einen Franken oder zwei. Er sieht aus wie ein Lehrer oder Sozialhelfer, nicht wie ein Bettler. Sage, dass ich gerade kein Kleingeld habe. Gehe weiter und frage mich, warum er Geld braucht. Ärgere mich, dass ich ihn nicht gefragt habe, warum er wie ein Sozialhelfer aussieht und Geld braucht. Also kehre ich um. Als ich wieder an der Ecke bin, ist er weg.
Normalerweise habe ich Kleingeld in der Tasche. Ab und zu nehme ich abends das Kleingeld aus dem Portemonnaie und lege die Ein-, Zwei- und Fünffränkler in meine Spardose. Das restliche Kleingeld kommt in meine Jackentasche. Ein paar lustige Rappen in der Tasche sind immer gut. Für solche Fälle. Für die alte Puppenfrau zum Beispiel. Sie schiebt einen Kinderwagen voller Puppen vor sich her. Sie war mal ein Mann. Ich kannte sie noch als jungen Mann. Ist dreissig Jahre her. Sie kauert meistens in sich versunken am Bahnhof neben ihrem Puppenwagen mit einem Pappbecher vor sich. Ich gebe ihr immer das ganze Kleingeld.
Wieder auf der Post. Zwölf Minuten Wartezeit. Ziehe die Nummer 196. Ich warte. Nummer 145 Schalter K ist dran. Ich stehe und warte. Heute ist mein hübsches Kleid Tag und mein Champagner Abend, denke ich.
Im Tram sehe ich einem Mann zu, der seine Haare zu einem Pferdeschwanz bindet. Wie er ein dutzend Mal über den Kopf streicht und dabei abwechselnd mit der rechten und linken Hand die Haare zu einem Schwanz bündelt. Stelle mir vor, wie es aussehen würde, wenn er wichst. Frage mich, ob das nun abartig ist. Ist es nicht. Er hat damit angefangen.
Im Unterricht schreiben wir einen Lebenslauf. Lebensläufe mit Leben aus Lücken. Leben aus Militärdienst, Krieg und Lücken. Leben aus Flucht und Lücken. Leben aus sechs Grundschuljahren und Lücken. Leben aus fünf Grundschuljahren und zehn Jahren Familienfrau. Scheidung. Flucht. Kinder in Syrien. Wir schreiben einwandfreie, lückenlose Lebensläufe.
Oskar. 36 Jahre alt. Kolumbianer. Schulen und Konservatorium. Saxofonspieler. Hat 14 Jahre als Musiker da und dort gearbeitet. Verliebt sich in eine Schweizerin, heiratet und zieht in die Schweiz. Leben aus Musik und Liebe und Lücken.
Nsur, 25 Jahre alt, Eritreer, hat nach der Grundschule drei Jahre Militärdienst geleistet. Mit 18 Flucht in den Sudan. Dort als Gipser und Sonstiges gearbeitet. Mit 22 Flucht nach Lybien. Dort als Fussballspieler gearbeitet. Mit 24 Flucht nach Italien. Auf seinem Aufenthaltsbewilligungsausweis ist ein Foto. Er sieht darauf aus wie 40. Du siehst alt aus auf dem Foto, sage ich. Das war nachdem ich mit dem Boot in Italien ankam, sagt er. Ich habe überlebt. Leben aus Überlebenslücken.
Sitzung am Mittag. Alle sind hungrig. Unterzuckerte Frauen reden zu schnell und zu hoch. Die geschmeidige Kollegin mit dem weichen Bauch. Der warme Busen unter dem Pullover. Mein Beinwippen.
Fünfzehn Minuten Wartezeit auf der Post. Die Digitalanzeige behauptet das. Ich vermute eine Stunde. Gehe lieber Winterschuhe kaufen. Finde keine Schuhe. Kaufe stattdessen Lammschulter, Kartoffeln und Feldsalat ein. Und Champagner. Möchte einen Champagnerabend. Ein junger Mann an der Ecke fragt mich, ob ich Kleingeld habe. Einen Franken oder zwei. Er sieht aus wie ein Lehrer oder Sozialhelfer, nicht wie ein Bettler. Sage, dass ich gerade kein Kleingeld habe. Gehe weiter und frage mich, warum er Geld braucht. Ärgere mich, dass ich ihn nicht gefragt habe, warum er wie ein Sozialhelfer aussieht und Geld braucht. Also kehre ich um. Als ich wieder an der Ecke bin, ist er weg.
Normalerweise habe ich Kleingeld in der Tasche. Ab und zu nehme ich abends das Kleingeld aus dem Portemonnaie und lege die Ein-, Zwei- und Fünffränkler in meine Spardose. Das restliche Kleingeld kommt in meine Jackentasche. Ein paar lustige Rappen in der Tasche sind immer gut. Für solche Fälle. Für die alte Puppenfrau zum Beispiel. Sie schiebt einen Kinderwagen voller Puppen vor sich her. Sie war mal ein Mann. Ich kannte sie noch als jungen Mann. Ist dreissig Jahre her. Sie kauert meistens in sich versunken am Bahnhof neben ihrem Puppenwagen mit einem Pappbecher vor sich. Ich gebe ihr immer das ganze Kleingeld.
Wieder auf der Post. Zwölf Minuten Wartezeit. Ziehe die Nummer 196. Ich warte. Nummer 145 Schalter K ist dran. Ich stehe und warte. Heute ist mein hübsches Kleid Tag und mein Champagner Abend, denke ich.
02.05.11
03.02.11
Alors on danse
Ich war zehn Jahre nicht mehr in einer Disco. Meine Arbeitskollegin Leonie überredete mich, es wieder einmal zu tun. Tanzen. Wir verabredeten uns um neun am Bahnhof. Sie rief an: "Wo bist du, Minka, ich warte hier auf dich." "Ach", seufzte ich, "ich liege schon im Bett. Ich schaffe es nicht mehr raus heute." Eine halbe Stunde später stand sie vor meiner Haustür. Sie gibt nicht so schnell auf.
Sie schleppte mich auf eine Ü40 Tanznacht. Überwiegend Frauen waren da. Vereinzelte Männer. Leonie schob mich direkt auf die Tanzfläche. Mir fiel ein, dass ich gerne tanzte. Aber Discos nie ausstehen konnte.
Leonie stellte mir Paul vor. Paul hatte bereits sechs Frauen angetanzt, mit denen er nun gleichzeitig tanzte. Er wiegte sich mit der einen, schwang seine Hüfte an der anderen, schmiegte sich an die dritte. Die Frauen fühlten sich begehrt und schön. Und sie tanzten auch so. Paul war jedes Wochenende hier. "Ich tanze für mein Leben gern", erzählte er mir. "Beim Tanzen wird jeder einzelne Muskel, jede Faser im Körper gleichzeitig angeregt. Tanzen ist gesund. Tanzen ist Leben", sagte er und es klang wie eine einfache Lösung. Tanzen ist Leben. Ich überlegte, was Leben für mich war und kam nicht gleich drauf. Ich fühlte mich schon wieder so kompliziert. Denken ist Leben. Tanzen und Nachdenken ging nicht.
Ich tanzte mit Leonie. Wir tanzten und lächelten uns an. Es ist wie früher, dachte ich, nur dass alle um uns herum zwanzig Jahre älter geworden sind. Die Frauen wurden inzwischen von ihren Männern verlassen, hatten sich wieder hübsch gemacht und ertanzten sich ein neues Leben. Ein Mann fand mich interessant, oder vielleicht auch sexy, jedenfalls guckte er immer wieder. Man spürt Blicke beim Tanzen so gut. Unerhörtes schwingt mit den Blicken. Die Schwingung spürt man. Alles ist Schwingung. Leben ist Schwingung, könnte ich jetzt auch so locker sagen. Er sah nett aus. Vermutlich hatte er eine geschiedene Frau, zwei Jungs, die er an Samstagen zum Fussball Turnier fuhr, war selber ein Marathonläufer, Lehrer an der Berufsschule oder Elektriker. Die Musik wechselte. "Sssslow", sagte der DJ. Sofort leerte sich die Tanzfläche und einige Paare fanden sich zusammen, drückten sich aneinander, wiegten sich. Ich zog Leonie an die Bar. Der Marathonmann verlor mich nicht aus den Augen. Sein Herzklopfen schwang bis zu mir. Der Gedanke, dass er jetzt gerne mit mir tanzen, genau genommen meinen Körper an sich drücken, meine Hüften spüren, meinen Duft riechen würde, gefiel mir nicht.
"Und", fragte Leonie, "gefällt dir einer?"
"Nein. Keiner. Und dir?"
"Es gibt schon ein paar nette Männer hier", sagte sie.
"Aber welche gefallen dir?" fragte ich nach.
"Naja, ein paar sind wirklich nett", wiederholte sie.
"Ich wüsste gern, auf was für Männer du stehst. Nicht ob sie nett sind."
"Mit einigen hatte ich was, die waren nett", sagte sie etwas leise.
"Was...? Ach so. Oh. Mit welchen?"
"Das sage ich jetzt nicht."
"Ach komm! Bitte."
"Nein, das ist mir peinlich."
"Mit Paul?"
Der Marathonmann kam direkt auf uns zu. Er sprach mich an: "Darf ich dich um einen Tanz bitten?" Der Mut, mich zu fragen, verlieh ihm ein ekstatisches Strahlen. In dem Moment wechselte die Musik. Hektische Beats spickten wie Pingpong Bälle durch den Tanzsaal: Alors on danse. Er sackte zusammen. Winkte ab. Es war zu spät.
26.01.11
Geschichten ohne Ende
Ich setzte mich im Speisewagen zu einem Mann, der ein Buch vor sich aufgeschlagen hatte. Ich fragte ihn, was für ein Buch er lese, wenn ich fragen dürfe. Er zeigte mir den Titel. Ein religionswissenschaftliches Buch. Aufgeschlagene Bücher eignen sich immer gut, um eine Speisewagenkonversation zu eröffnen. Wir unterhielten uns also über Religionen. Er hatte Philosophie und Informatik studiert, war in meinem Alter. Ein Amerikaner mit libanesischen Wurzeln. Ein attraktiver Mann. Und voller Witz, wie ich im Laufe des Gesprächs feststellte. Er war auf einer Geschäftsreise, befand sich eben noch in Kairo und fuhr nach Thun zu einer Besprechung. Unsere Unterhaltung sprudelte nur so aus sich heraus, dass ich nicht dazu kam ihn zu fragen, was er geschäftlich denn machte. Er fragte, ob er mich zum Abendessen einladen dürfe, in Thun, er kenne die Stadt nicht und möge nicht alleine essen. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als die gediegene Unterhaltung in einem schicken Restaurant fortzusetzen. Kurz vor dem Aussteigen fragte ich ihn was er beruflich mache.
Er arbeite für eine Firma, die Waffen produziere, sagte er. Waffen, Kanonen, Panzergranaten.
Das Ende der Geschichte ist traurig.
Er arbeite für eine Firma, die Waffen produziere, sagte er. Waffen, Kanonen, Panzergranaten.
Das Ende der Geschichte ist traurig.
22.01.11
Der Ring der Konfusion
Ich habe von meinem Masseur einen Finger Massagering bekommen. Er sieht aus wie ein zusammen gebastelter Ring aus Kugelschreiber Drahtfedern. Man rollt ihn am Finger auf und ab. Er stimuliere die energetischen Punkte und damit verbundenen Organe. Und die Einheit aus Körper, Seele und Geist werde ins Gleichgewicht gebracht, meinte er. Er empfahl mir den Massegering beim Fernsehen zu benützen, oder, da ich keinen Fernseher habe, meinetwegen während ich in der Küche warte, bis der Kuchen gebacken ist. Weniger geeignet sei es aber, aus eigener Erfahrung, fügte er hinzu, im Bus, entspannt die Hände im Schoss haltend, gedankenverloren den Finger zu massieren.
18.01.11
Die Ulme
Mein Grossvater starb jung. Er hatte vier Kinder gezeugt, dann wurde er in einem Gewitter von einem Baum erschlagen. Das ist alles, was meine Grossmutter dazu erzählte. Aber ich wollte Einzelheiten. Sie hatte nur ein einziges Foto von ihrem Mann. Es war eine Gruppenaufnahme seiner Militär Kompanie. Er sass in der vierten Reihe in der Mitte, genau da, wo das Foto gefaltet war. Ich konnte nur seine abstehenden Ohren erkennen. Viele Jahre später erzählte sie ein einziges, aber nicht unwesentliches Detail: Es war eine Ulme.
16.01.11
Die Aussicht auf das nächtliche Istanbul
Da war dieser Ladenhüter, der auf die Strasse gesprungen kam und mich fragte, ob ich einen Tee wollte. Drinnen sei es warm und er würde sich gerne mit mir unterhalten. Ich zögerte. Es war schon spät. Der Laden war in einer dunklen Seitengasse. Einfach nur so. Seine Augen leuchteten dezent, wie diese bunten Glaslämpchen im Bazar, die nur schön sind, wenn sie leuchten. Dieses romantische, warme Licht aus tausend und einer Nacht möchten die Touristen mit nach Hause nehmen. Sie kaufen es und sehen erst beim Auspacken, wie nichts sagend die Lämpchen sind.
Ich nahm die Einladung an. Mir war kalt und ich war traurig.
Der Laden war vollständig mit Kelims ausgekleidet und verkaufte Teppiche und Keramik. Ich fühlte mich wohl. Wir unterhielten uns und tranken Tee. Ein anderer Ladenhüter gesellte sich zu uns, dann noch einer. Sie fragten, warum ich traurig sei. Wir tranken Tee und sie scherzten, um mich aufzumuntern. Dann tauchte noch einer auf und noch einer. Ich realisierte langsam, dass ich von fünf Männern umgarnt war, die mich mit dezent leuchtenden Augen ansahen.
"Wir könnten auf der Dachterrasse noch etwas trinken", schlugen sie vor, "eine kleine Party feiern". "Have some fun", sagten sie. Die Aussicht auf die nächtliche Stadt sei wundervoll.
Ich verstand.
In Fantasien glücklicher Tage hätte es die Aussicht auf die Nacht meines Lebens sein können. Fun mit fünf Ladenhütern. Aber ich war traurig.
"Warum nicht", wollten sie wissen.
Es war immer das gleiche. Ich war für die Männer eine europäische Touristin. Die Frage war nicht, ob ich will, sondern - warum nicht?
"Du bist verspannt", sagten sie. "Entspann dich. Wir sind genau, was du brauchst".
Ich bedankte mich für den Tee und ging.
Auf der Strasse fiel mir ein, dass ich zu traurig war um der Lust eine Chance zu geben. Und zu traurig um Angst zu haben. Vermutlich war es Glück, dass sie mich gehen liessen.
Ich nahm die Einladung an. Mir war kalt und ich war traurig.
Der Laden war vollständig mit Kelims ausgekleidet und verkaufte Teppiche und Keramik. Ich fühlte mich wohl. Wir unterhielten uns und tranken Tee. Ein anderer Ladenhüter gesellte sich zu uns, dann noch einer. Sie fragten, warum ich traurig sei. Wir tranken Tee und sie scherzten, um mich aufzumuntern. Dann tauchte noch einer auf und noch einer. Ich realisierte langsam, dass ich von fünf Männern umgarnt war, die mich mit dezent leuchtenden Augen ansahen.
"Wir könnten auf der Dachterrasse noch etwas trinken", schlugen sie vor, "eine kleine Party feiern". "Have some fun", sagten sie. Die Aussicht auf die nächtliche Stadt sei wundervoll.
Ich verstand.
In Fantasien glücklicher Tage hätte es die Aussicht auf die Nacht meines Lebens sein können. Fun mit fünf Ladenhütern. Aber ich war traurig.
"Warum nicht", wollten sie wissen.
Es war immer das gleiche. Ich war für die Männer eine europäische Touristin. Die Frage war nicht, ob ich will, sondern - warum nicht?
"Du bist verspannt", sagten sie. "Entspann dich. Wir sind genau, was du brauchst".
Ich bedankte mich für den Tee und ging.
Auf der Strasse fiel mir ein, dass ich zu traurig war um der Lust eine Chance zu geben. Und zu traurig um Angst zu haben. Vermutlich war es Glück, dass sie mich gehen liessen.
13.01.11
Mein Kochbuch
Die Kunst ist im Alter einen lustigen Grund zu finden, für den es sich lohnt weiter zu leben. Die Möglichkeiten nehmen ab. Es geht nicht mehr darum alles haben zu wollen, alles auszuprobieren. Oder sich fortzupflanzen. Dafür lohnt es sich nicht mehr zu leben. Aber es gibt Beschäftigungen, die das Alter bei Laune halten können. Also ich meine nicht Bierdeckel zu sammeln und in ein Album zu kleben. Oder alle Dreitausender zu besteigen.
Schreiben kann so eine Beschäftigung sein. Aber lustig ist es nicht. Ich feile an meinen Texten herum bis zur Verzweiflung. Ich brauche ewig für mein Kochbuch. Isaak Babel überarbeitete seine Bücher auch über Jahre hinweg. Er hatte stapelweise Versionen seiner Manuskripte herumliegen. Fallada andererseits schrieb in drei Wochen tausend Seiten. Dann lachte er, weil man ihm dafür auch noch Geld zahlte, dass er drei Wochen solchen Spass hatte. Aber er konnte nur so schreiben, wenn er zugedröhnt oder alkoholisiert war. Jeffrey Lee Pierce konnte nur so gut Gitarre spielen und singen, weil er Heroin nahm. Und nicht nur er. Seine Musik war berauschend, tief berührend. Das ist Heroinmusik immer. Aber das Leben mit Drogen ist fürchterlich. Dramatisch und fürchterlich. Die Kunst ist wohl, ohne Drogen in meinem kleinen Laboratorium etwas zu produzieren. Und glücklich zu sein.
Das ist anstrengend. Schwer. Fast schwermütig. Aber wenigstens ist es nicht fürchterlich.
Schreiben kann so eine Beschäftigung sein. Aber lustig ist es nicht. Ich feile an meinen Texten herum bis zur Verzweiflung. Ich brauche ewig für mein Kochbuch. Isaak Babel überarbeitete seine Bücher auch über Jahre hinweg. Er hatte stapelweise Versionen seiner Manuskripte herumliegen. Fallada andererseits schrieb in drei Wochen tausend Seiten. Dann lachte er, weil man ihm dafür auch noch Geld zahlte, dass er drei Wochen solchen Spass hatte. Aber er konnte nur so schreiben, wenn er zugedröhnt oder alkoholisiert war. Jeffrey Lee Pierce konnte nur so gut Gitarre spielen und singen, weil er Heroin nahm. Und nicht nur er. Seine Musik war berauschend, tief berührend. Das ist Heroinmusik immer. Aber das Leben mit Drogen ist fürchterlich. Dramatisch und fürchterlich. Die Kunst ist wohl, ohne Drogen in meinem kleinen Laboratorium etwas zu produzieren. Und glücklich zu sein.
Das ist anstrengend. Schwer. Fast schwermütig. Aber wenigstens ist es nicht fürchterlich.
12.01.11
08.01.11
02.01.11
Auf der Suche nach Schönheit. Geschichten. Vielfalt.
Vorbei an trostlosen Dörfern und endlosen Treibhausebenen.
Vorbei an Geisterstädten massentouristischer Illusionen.
"Hier ist alles abgefuckt", sagte sie. Es war das erste Mal, dass sie dieses Wort brauchte.
***
Wanderung entlang menschenleerer Strände. Weite und Trost.
Schöne Momente.
***
Ein Land, verstockt in der Dichte des Althergebrachten ohne Möglichkeit sich auf feinfühlige Art zu erneuern, ohne den schwärmerischen Überschwang des Vergangenen.
***
Unwetter, Stürme, Erdrutsche, Überschwemmungen und Regen, Regen, Regen.
Warten, Tee trinken und Backgammon spielen.
Streiten.
Nüsschen knabbern, Bier trinken und Backgammon spielen.***
Mit mir kann man nicht diskutieren.
***
Das Schiff unserer Freundschaft zerschellte an den Klippen unserer unerfüllten Bedürfnisse.
***
Überall mangelte es an Sorgfalt. Raffinesse. Zartheit.
***
Flucht in zärtliche Erinnerungen: Die Hand des Rucksackverkäufers an der Stelle meiner Hüfte, wo der Rucksack sitzen sollte.
***
Die vielen kleinen Entscheidungen auf Reisen. Mit der Sicherheit der Gefühle.
***
Das unfassbare Istanbul.
***
06.12.10
Seifenhalbiererin
Ich schneide die Seife entzwei um das Gewicht zu minimieren. Die halbe Seife ist Duschmittel, Haarshampoo und Waschmittel in einem und reicht für fünf Wochen. Mit einer halben Seife, einer Zahnbürste, einer Minizahnpasta, einem Schlafsack, einer Regenjacke, zwei Ersatzunterhosen und Ersatzsocken im Rucksack mache ich mich auf den Weg. Fünfhundert Kilometer entlang der türkischen Südküste. Zu Fuss. Vielleicht nehme ich die leichten Ersatzschuhe auch noch mit. Danach eine Woche Istanbul. Mit allem Drum und Dran. Märkte, Teegärten, Konzerte, Feste. Zurück über Sofia, Budapest, Wien. Mit dem Zug. Mitte Januar bin ich wieder in Bern. Inschallah.
29.10.10
Zum Geburtstag
Auf dass das kommende Jahr Dich in Deinen erfüllten Wünschen satt umherwandeln lässt.
26.10.10
19.10.10
Vortrag
Ein Vater spielt Motorradfahren mit seinem Sohn und brummt so laut, dass mich niemand reden hört. Ich halte einen Vortrag und schreie was das Zeug hält. Sage dem Vater, er soll doch bitte leise brummen. Da brummt er noch lauter.
Aufgewacht.
Draussen wird mit der Motorsäge ein Baum gefällt.
Aufgewacht.
Draussen wird mit der Motorsäge ein Baum gefällt.
16.10.10
15.10.10
02.10.10
Ferien
Ein gutes Buch, Musik, Wanderkarte, Daunenjacke und mich dabei.
Selbstgespräche. Drei Tage ohne Handyempfang.
Ein Arvenwald. Gespenstisch.
Einsamkeit und Glück
Aussicht auf ein Calanda Bier. Beschleunigung.
Gemse Schnitzel an Preiselbeer Rahmsauce
Herbst. Stille. Einsamkeit.
25.09.10
19.09.10
Im Mond
Meine Lehrerin, mademoiselle Gaulet, vermerkte in der ersten Klasse im Zeugnis: Minka est souvent dans la lune.
14.09.10
Auf Granit stossen
Am Montag gibt’s keine Schafmilch zu kaufen. Überlege kurz, ob ich Ziegenmilch nehmen soll, aber bei der Ziegenmilch ist das Kühlregal auch leer.
Montag. Immer montags. Ich will mir so etwas nicht merken.
Muss mir so viel merken immer.
Habe mir das Geburtsdatum von Nic gemerkt, weil ich mit ihrer Benützerkarte in der Schulwarte meine alten Computerdisketten durchsehen und nach Fotos absuchen will. In der Schulwarte gibt es noch Kassettengeräte und Diskettenleser. Man kann auch alte Videokassetten auf DVD brennen.
Nic weiss immer, wo man was machen kann. Manchmal rufe ich sie an und frage: Wo kann man im Emmental schön wandern? Oder wo kann man eine Granitplatte zuschneiden lassen? Ich will nämlich eine Arbeitsfläche aus schwarzem Granit in meiner Küche. Sie weiss solche Sachen einfach. Sie ist meine grosse Freundin.
Gestern hatten wir unseren ersten Streit. Sie mag es nicht, wenn ich Menschen auf Fotos beschreibe. Und das ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Sie hatte mir aus einer Partneranzeige ein Bild von einem Mann gezeigt, der was für mich sein könnte. "Er sieht auf den ersten Blick aus wie ein Pfadfinder", sagte ich. "Voller guter Absichten. Einer, der offen ist im Sinn von: Alles kann, nichts muss."
Nic verdrehte die Augen.
"Er hat etwas sinnliches", fügte ich hinzu, als ich seinen Mund betrachtete, "aber er ist unsicher. Unsicher in Gruppen, oder wenn er öffentlich auftreten muss. Eine Mischung aus Unsicherheit und Faszination auch älteren, selbstbewussten Frauen gegenüber".
"Also nichts für dich, willst du sagen," seufzte Nic.
"Ja, er wirkt etwas verklemmt."
"Du hast doch keine Ahnung, was für ein Mensch er wirklich ist," sagte sie.
"Doch, das habe ich," sagte ich.
"Wie kannst du behaupten, dass er unsicher ist? Vielleicht hatte er einen schlechten Tag, als das Foto gemacht wurde. Er sähe sicher nicht verklemmt aus, wenn er entspannt am Strand läge."
"Doch, das täte er," sagte ich. "Ich könnte dir sogar sagen, was seine sexuellen Vorlieben sind."
"Das will ich lieber nicht wissen," sagte sie.
"Was ist er denn von Beruf?", fragte ich.
"Er ist Erwachsenenbildner."
"Na, siehst du, ich wusste es doch."
Montag. Immer montags. Ich will mir so etwas nicht merken.
Muss mir so viel merken immer.
Habe mir das Geburtsdatum von Nic gemerkt, weil ich mit ihrer Benützerkarte in der Schulwarte meine alten Computerdisketten durchsehen und nach Fotos absuchen will. In der Schulwarte gibt es noch Kassettengeräte und Diskettenleser. Man kann auch alte Videokassetten auf DVD brennen.
Nic weiss immer, wo man was machen kann. Manchmal rufe ich sie an und frage: Wo kann man im Emmental schön wandern? Oder wo kann man eine Granitplatte zuschneiden lassen? Ich will nämlich eine Arbeitsfläche aus schwarzem Granit in meiner Küche. Sie weiss solche Sachen einfach. Sie ist meine grosse Freundin.
Gestern hatten wir unseren ersten Streit. Sie mag es nicht, wenn ich Menschen auf Fotos beschreibe. Und das ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Sie hatte mir aus einer Partneranzeige ein Bild von einem Mann gezeigt, der was für mich sein könnte. "Er sieht auf den ersten Blick aus wie ein Pfadfinder", sagte ich. "Voller guter Absichten. Einer, der offen ist im Sinn von: Alles kann, nichts muss."
Nic verdrehte die Augen.
"Er hat etwas sinnliches", fügte ich hinzu, als ich seinen Mund betrachtete, "aber er ist unsicher. Unsicher in Gruppen, oder wenn er öffentlich auftreten muss. Eine Mischung aus Unsicherheit und Faszination auch älteren, selbstbewussten Frauen gegenüber".
"Also nichts für dich, willst du sagen," seufzte Nic.
"Ja, er wirkt etwas verklemmt."
"Du hast doch keine Ahnung, was für ein Mensch er wirklich ist," sagte sie.
"Doch, das habe ich," sagte ich.
"Wie kannst du behaupten, dass er unsicher ist? Vielleicht hatte er einen schlechten Tag, als das Foto gemacht wurde. Er sähe sicher nicht verklemmt aus, wenn er entspannt am Strand läge."
"Doch, das täte er," sagte ich. "Ich könnte dir sogar sagen, was seine sexuellen Vorlieben sind."
"Das will ich lieber nicht wissen," sagte sie.
"Was ist er denn von Beruf?", fragte ich.
"Er ist Erwachsenenbildner."
"Na, siehst du, ich wusste es doch."
11.09.10
08.09.10
Aufatmen
***
Die Tage wie Geschenke des Lebens auspacken
***
Der Verkäufer, der die neue Kollektion an die Kleiderbügel hängte und seufzte, er sei den ganzen Tag schon am - Aufbügeln, was aus seinem Munde wie eine sexuelle Doppeldeutigkeit klang.
***
Kaninchenleber mit Birnen, Artischocken und Parmaschinken an einer Portweinsauce. Dazu Rösti.
***
la follia, la follia
dabadabadabadaa
***
Die Tage wie Geschenke des Lebens auspacken
***
Der Verkäufer, der die neue Kollektion an die Kleiderbügel hängte und seufzte, er sei den ganzen Tag schon am - Aufbügeln, was aus seinem Munde wie eine sexuelle Doppeldeutigkeit klang.
***
Kaninchenleber mit Birnen, Artischocken und Parmaschinken an einer Portweinsauce. Dazu Rösti.
***
la follia, la follia
dabadabadabadaa
06.09.10
St. Honoré Torte
Als ich mit meiner Torte in die Konditorei zurück ging und die Verkäuferin fragte, ob nicht einer der Konditoren im Hause die Torte wieder richten könnte, ich hätte sie am Morgen gekauft und sei umgefallen, die Torte sei umgekippt und die ganze Füllung klebte nun am Deckel, da liess sie mir umgehend, mit Worten des Bedauerns und matronenhaften Anweisungen an die jungen Verkäuferinnen, eine neue Torte geben.
03.09.10
Die halbe Stunde zwischen Nacht und Tag
Die Tage beginnen so glücklich. Erwache in der Dämmerung und gönne mir eine halbe Stunde Zeit zum Aufwachen. Bleibe im Bett liegen, sehe aus dem Fenster in den farblosen Himmel, der unmerklich heller wird, und auf einmal hellblau ist.
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