22.01.11

Der Ring der Konfusion

Ich habe von meinem Masseur einen Finger Massagering bekommen. Er sieht aus wie ein zusammen gebastelter Ring aus Kugelschreiber Drahtfedern. Man rollt ihn am Finger auf und ab. Er stimuliere die energetischen Punkte und damit verbundenen Organe. Und die Einheit aus Körper, Seele und Geist werde ins Gleichgewicht gebracht, meinte er. Er empfahl mir den Massegering beim Fernsehen zu benützen, oder, da ich keinen Fernseher habe, meinetwegen während ich in der Küche warte, bis der Kuchen gebacken ist. Weniger geeignet sei es aber, aus eigener Erfahrung, fügte er hinzu, im Bus, entspannt die Hände im Schoss haltend, gedankenverloren den Finger zu massieren.

18.01.11

Die Ulme

Mein Grossvater starb jung. Er hatte vier Kinder gezeugt, dann wurde er in einem Gewitter von einem Baum erschlagen. Das ist alles, was meine Grossmutter dazu erzählte. Aber ich wollte Einzelheiten. Sie hatte nur ein einziges Foto von ihrem Mann. Es war eine Gruppenaufnahme seiner Militär Kompanie. Er sass in der vierten Reihe in der Mitte, genau da, wo das Foto gefaltet war. Ich konnte nur seine abstehenden Ohren erkennen. Viele Jahre später erzählte sie ein einziges, aber nicht unwesentliches Detail: Es war eine Ulme.

16.01.11

Die Aussicht auf das nächtliche Istanbul

Da war dieser Ladenhüter, der auf die Strasse gesprungen kam und mich fragte, ob ich einen Tee wollte. Drinnen sei es warm und er würde sich gerne mit mir unterhalten. Ich zögerte. Es war schon spät. Der Laden war in einer dunklen Seitengasse. Einfach nur so. Seine Augen leuchteten dezent, wie diese bunten Glaslämpchen im Bazar, die nur schön sind, wenn sie leuchten. Dieses romantische, warme Licht aus tausend und einer Nacht möchten die Touristen mit nach Hause nehmen. Sie kaufen es und sehen erst beim Auspacken, wie nichts sagend die Lämpchen sind.
Ich nahm die Einladung an. Mir war kalt und ich war traurig.
Der Laden war vollständig mit Kelims ausgekleidet und verkaufte Teppiche und Keramik. Ich fühlte mich wohl. Wir unterhielten uns und tranken Tee. Ein anderer Ladenhüter gesellte sich zu uns, dann noch einer. Sie fragten, warum ich traurig sei. Wir tranken Tee und sie scherzten, um mich aufzumuntern. Dann tauchte noch einer auf und noch einer. Ich realisierte langsam, dass ich von fünf Männern umgarnt war, die mich mit dezent leuchtenden Augen ansahen.
"Wir könnten auf der Dachterrasse noch etwas trinken", schlugen sie vor, "eine kleine Party feiern". "Have some fun", sagten sie. Die Aussicht auf die nächtliche Stadt sei wundervoll.
Ich verstand.
In Fantasien glücklicher Tage hätte es die Aussicht auf die Nacht meines Lebens sein können. Fun mit fünf Ladenhütern. Aber ich war traurig.
"Warum nicht", wollten sie wissen.
Es war immer das gleiche. Ich war für die Männer eine europäische Touristin. Die Frage war nicht, ob ich will, sondern - warum nicht?
"Du bist verspannt", sagten sie. "Entspann dich. Wir sind genau, was du brauchst".
Ich bedankte mich für den Tee und ging.
Auf der Strasse fiel mir ein, dass ich zu traurig war um der Lust eine Chance zu geben. Und zu traurig um Angst zu haben. Vermutlich war es Glück, dass sie mich gehen liessen.

13.01.11

Mein Kochbuch

Die Kunst ist im Alter einen lustigen Grund zu finden, für den es sich lohnt weiter zu leben. Die Möglichkeiten nehmen ab. Es geht nicht mehr darum alles haben zu wollen, alles auszuprobieren. Oder sich fortzupflanzen. Dafür lohnt es sich nicht mehr zu leben. Aber es gibt Beschäftigungen, die das Alter bei Laune halten können. Also ich meine nicht Bierdeckel zu sammeln und in ein Album zu kleben. Oder alle Dreitausender zu besteigen.
Schreiben kann so eine Beschäftigung sein. Aber lustig ist es nicht. Ich feile an meinen Texten herum bis zur Verzweiflung. Ich brauche ewig für mein Kochbuch. Isaak Babel überarbeitete seine Bücher auch über Jahre hinweg. Er hatte stapelweise Versionen seiner Manuskripte herumliegen. Fallada andererseits schrieb in drei Wochen tausend Seiten. Dann lachte er, weil man ihm dafür auch noch Geld zahlte, dass er drei Wochen solchen Spass hatte. Aber er konnte nur so schreiben, wenn er zugedröhnt oder alkoholisiert war. Jeffrey Lee Pierce konnte nur so gut Gitarre spielen und singen, weil er Heroin nahm. Und nicht nur er. Seine Musik war berauschend, tief berührend. Das ist Heroinmusik immer. Aber das Leben mit Drogen ist fürchterlich. Dramatisch und fürchterlich. Die Kunst ist wohl, ohne Drogen in meinem kleinen Laboratorium etwas zu produzieren. Und glücklich zu sein.
Das ist anstrengend. Schwer. Fast schwermütig. Aber wenigstens ist es nicht fürchterlich.

11.01.11

Ich frühstückte in einem Café in der Stadt.  Als ich hinaustrat, war es Abend.

02.01.11

Auf der Suche nach Schönheit. Geschichten. Vielfalt.
Vorbei an trostlosen Dörfern und endlosen Treibhausebenen.
Vorbei an Geisterstädten massentouristischer Illusionen.
"Hier ist alles abgefuckt", sagte sie. Es war das erste Mal, dass sie dieses Wort brauchte.

***

Wanderung entlang menschenleerer Strände. Weite und Trost.
Schöne Momente.

***

Ein Land, verstockt in der Dichte des Althergebrachten ohne Möglichkeit sich auf feinfühlige Art zu erneuern, ohne den schwärmerischen Überschwang des Vergangenen. 

***

Unwetter, Stürme, Erdrutsche, Überschwemmungen und Regen, Regen, Regen. 
Warten, Tee trinken und Backgammon spielen.
Streiten.
Nüsschen knabbern, Bier trinken und Backgammon spielen.


***

Mit mir kann man nicht diskutieren.

***

Das Schiff unserer Freundschaft zerschellte an den Klippen unserer unerfüllten Bedürfnisse.

***

Überall mangelte es an Sorgfalt. Raffinesse. Zartheit.

***

Flucht in zärtliche Erinnerungen: Die Hand des Rucksackverkäufers an der Stelle meiner Hüfte, wo der Rucksack sitzen sollte. 

***
Die vielen kleinen Entscheidungen auf Reisen. Mit der Sicherheit der Gefühle.

***


Das unfassbare Istanbul.

***






06.12.10

Seifenhalbiererin

Ich schneide die Seife entzwei um das Gewicht zu minimieren. Die halbe Seife ist Duschmittel, Haarshampoo und Waschmittel in einem und reicht für fünf Wochen. Mit einer halben Seife, einer Zahnbürste, einer Minizahnpasta, einem Schlafsack, einer Regenjacke, zwei Ersatzunterhosen und Ersatzsocken im Rucksack mache ich mich auf den Weg. Fünfhundert Kilometer entlang der türkischen Südküste. Zu Fuss. Vielleicht nehme ich die leichten Ersatzschuhe auch noch mit. Danach eine Woche Istanbul. Mit allem Drum und Dran. Märkte, Teegärten, Konzerte, Feste. Zurück über Sofia, Budapest, Wien. Mit dem Zug. Mitte Januar bin ich wieder in Bern. Inschallah.

29.10.10

Zum Geburtstag

Auf dass das kommende Jahr Dich in Deinen erfüllten Wünschen satt umherwandeln lässt.

19.10.10

Vortrag

Ein Vater spielt Motorradfahren mit seinem Sohn und brummt so laut, dass mich niemand reden hört. Ich halte einen Vortrag und schreie was das Zeug hält. Sage dem Vater, er soll doch bitte leise brummen. Da brummt er noch lauter.
Aufgewacht.
Draussen wird mit der Motorsäge ein Baum gefällt.

16.10.10

15.10.10

Befindlichkeit

 mal über

mal unter dem Nebelmeer

02.10.10

Ferien

 Ein gutes Buch, Musik, Wanderkarte, Daunenjacke und mich dabei.

 Selbstgespräche. Drei Tage ohne Handyempfang.

 Ein Arvenwald. Gespenstisch.

Einsamkeit und Glück 

 
 Aussicht auf ein Calanda Bier. Beschleunigung.

Gemse Schnitzel an Preiselbeer Rahmsauce

Herbst. Stille. Einsamkeit.

25.09.10

Ferien

Ich freu mich so.

19.09.10

Im Mond

 Meine Lehrerin, mademoiselle Gaulet, vermerkte in der ersten Klasse im Zeugnis: Minka est souvent dans la lune.

14.09.10

Auf Granit stossen

Am Montag gibt’s keine Schafmilch zu kaufen. Überlege kurz, ob ich Ziegenmilch nehmen soll, aber bei der Ziegenmilch ist das Kühlregal auch leer.
Montag. Immer montags. Ich will mir so etwas nicht merken.
Muss mir so viel merken immer.
Habe mir das Geburtsdatum von Nic gemerkt, weil ich mit ihrer Benützerkarte in der Schulwarte meine alten Computerdisketten durchsehen und nach Fotos absuchen will. In der Schulwarte gibt es noch Kassettengeräte und Diskettenleser. Man kann auch alte Videokassetten auf DVD brennen.
Nic weiss immer, wo man was machen kann. Manchmal rufe ich sie an und frage: Wo kann man im Emmental schön wandern? Oder wo kann man eine Granitplatte zuschneiden lassen? Ich will nämlich eine Arbeitsfläche aus schwarzem Granit in meiner Küche. Sie weiss solche Sachen einfach. Sie ist meine grosse Freundin.
Gestern hatten wir unseren ersten Streit. Sie mag es nicht, wenn ich Menschen auf Fotos beschreibe. Und das ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Sie hatte mir aus einer Partneranzeige ein Bild von einem Mann gezeigt, der was für mich sein könnte. "Er sieht auf den ersten Blick aus wie ein Pfadfinder", sagte ich. "Voller guter Absichten. Einer, der offen ist im Sinn von: Alles kann, nichts muss."
Nic verdrehte die Augen.
"Er hat etwas sinnliches", fügte ich hinzu, als ich seinen Mund betrachtete, "aber er ist unsicher. Unsicher in Gruppen, oder wenn er öffentlich auftreten muss. Eine Mischung aus Unsicherheit und Faszination auch älteren, selbstbewussten Frauen gegenüber".
"Also nichts für dich, willst du sagen," seufzte Nic.
"Ja,  er wirkt etwas verklemmt."
"Du hast doch keine Ahnung, was für ein Mensch er wirklich ist," sagte sie.
"Doch, das habe ich," sagte ich.
"Wie kannst du behaupten, dass er unsicher ist? Vielleicht hatte er einen schlechten Tag, als das Foto gemacht wurde. Er sähe sicher nicht verklemmt aus, wenn er entspannt am Strand läge."
"Doch, das täte er," sagte ich. "Ich könnte dir sogar sagen, was seine sexuellen Vorlieben sind."
"Das will ich lieber nicht wissen," sagte sie.
"Was ist er denn von Beruf?", fragte ich.
"Er ist Erwachsenenbildner."
"Na, siehst du, ich wusste es doch."

11.09.10

Es überraschte mich auch nicht, dass sie sich in ihrem Sportwagen von einer Männerstimme navigieren liess. Was mich irritierte war, dass ihr perfektes Lächeln ihr Gesicht so verzerrte.

08.09.10

Aufatmen

***

Die Tage wie Geschenke des Lebens auspacken

***

Der Verkäufer, der die neue Kollektion an die Kleiderbügel hängte und seufzte, er sei den ganzen Tag schon am - Aufbügeln, was aus seinem Munde wie eine sexuelle Doppeldeutigkeit klang.

***

Kaninchenleber mit Birnen, Artischocken und Parmaschinken an einer Portweinsauce. Dazu Rösti.

***

la follia, la follia
dabadabadabadaa

06.09.10

St. Honoré Torte

Als ich mit meiner Torte in die Konditorei zurück ging und die Verkäuferin fragte, ob nicht einer der Konditoren im Hause die Torte wieder richten könnte, ich hätte sie am Morgen gekauft und sei umgefallen, die Torte sei umgekippt und die ganze Füllung klebte nun am Deckel, da liess sie mir umgehend, mit Worten des Bedauerns und matronenhaften Anweisungen an die jungen Verkäuferinnen, eine neue Torte geben.

03.09.10

Die halbe Stunde zwischen Nacht und Tag

Die Tage beginnen so glücklich. Erwache in der Dämmerung und gönne mir eine halbe Stunde Zeit zum Aufwachen. Bleibe im Bett liegen, sehe aus dem Fenster in den farblosen Himmel, der unmerklich heller wird, und auf einmal hellblau ist.

01.09.10

Schon wieder aus Versehen all meine Fotos gelöscht. Erstmal nichts gesagt und panisch versucht, an der Kamera eine Funktion zu finden, die gelöschte Bilder entlöscht. Dann nein gebrüllt. Nein nein nein. Und  nein. Einfach nur nein.

30.08.10

Artichokes und Anchovis

Habe bis jetzt geschrieben. Den Leistungsnachweis für meine Weiterbildung. Es ist halb neun und ich habe Hunger. Setze mich in die Küche und schenke mir ein Glas Rotwein ein. Habe Hunger und keine Lust zu kochen. Nur Kartoffeln im Haus. Öffne den Kühlschrank, um ein Menu mit Kartoffeln zusammen zu stellen. Der Kühlschrank ist leer. Setze mich wieder an den Tisch und denke ans Essen. Öffne den Kühlschrank noch fünf Mal. Irgendetwas wird sich doch im Kühlschrank zu den Kartoffeln finden. Er ist jedes Mal leer. Bestelle eine Pizza. Bei MPK. Mega Pizza Kurier. Eine Quattro Stagioni ohne Pilze, bitte. Dafür mehr Artischocken, wenn’s geht. Warte am Küchentisch bei Rotwein und denke an die Weiterbildung. Habe den zweiten Weiterbildungstag bereits geschwänzt. Meine Mutter wird eben im Leben nur einmal 70 und ich hatte die Gelegenheit, ihren Freund kennen zu lernen. Samt Kind und Kegel. Ein Wittwer, fast zehn Jahre jünger als meine Mutter. Wenn sie heiraten, wird er mein Stiefvater. Und seine drei Söhne meine Stiefbrüder. Meine zukünftigen Stiefbrüder sehen aus wie Schwingerkönige. Berner Oberländer mit rosig glühenden Wangen und bergsonnenstrahlenden Augen. Sie arbeiten bei der Jungfrau Bergbahn und haben Ehegattinnen, die alle exakt den gleichen Haarschnitt haben. Stirnfransen und die schulterlangen blondierten Haare grob gestuft. Entweder gehen sie zum gleichen Frisör im Dorf, oder die zukünftigen Stiefbrüder haben den gleichen Frauen mit Ponyschnitt Geschmack. Wie sah wohl die Mutter meiner zukünftigen Stiefbrüder aus?  Ich fragte, wie sie die Liaison ihres Vaters mit meiner Mutter empfinden. Sie antworteten, dass meine Mutter ihre Mutter nie ersetzen wird. Ich frug nicht weiter. Obwohl ich gerne nach einem Foto der Mutter gefragt hätte.
Ali bringt meine Pizza. Er gibt mir zuerst die Hand. Stellt sich vor. Dann steckt er mein Geld ein, reicht mir die Pizza und gibt mir zum Abschied wieder die Hand. Renne mit der Pizza die Treppe hoch, weil das Telefon klingelt. Meine Mutter ist am Apparat. Sie bedankt sich für das Geburtstagsfest und wünscht mir auch einen Freund. Auf meiner vier Jahreszeiten Pizza wird der Herbst frischfröhlich mit Pilzen zelebriert. Wenigstens sind es frische Champignons. Frage mich, ob Artischocken, Schinken oder die bunten Peperonis den Frühling symbolisieren. Und was Sommer sein könnte. Das Telefon klingelt. Meine Schwester ist am Apparat. Sie sagt, dass der Computer für meine Mutter noch immer nicht geliefert wurde. Es wäre das Überraschungsgeschenk für meine Mutter gewesen. Ich habe ihn gekauft und zu meiner Mutter schicken lassen. Einen Mac. Habe insgesamt mehr Zeit gebraucht, eine passende Geburtstagskarte zu finden, als das passende Geburtstagsgeschenk. Leider ist auf die Schweizer Post auch kein Verlass mehr. Sage meiner Schwester, dass ich gerade Pizza esse, die kalt wird. Was für eine, will sie wissen. Eine Quattro Stagioni mit Pilzen, obwohl ich anstatt Pilzen Artischocken bestellt hatte. Sie erzählt mir, dass sie in Amerika einmal eine Pizza nur mit Artischocken bestellt hatte, und eine Pizza mit Sardellen bekam, weil sie das englische Wort für Artischocken nicht kannte.

26.08.10

Er suchte meine Nähe und fand sie nicht

"Möchtest du ein Glas Wein. Oder noch einen Kaffee?"
"Nein, ich möchte gehen."

24.08.10

Sprechstunde

Sein Blick wanderte über mein Gesicht, suchte Halt mit aller Kraft. Aber dann stürzte er immer wieder in meinen Auschnitt ab.

23.08.10

Ich verstehe die Menschen nicht

Wenn ich aufhöre, Erwartungen an die Menschen zu haben, an ihre Wahrhaftigkeit, ihren Mut, ihre Fähigkeit zu reflektieren, dann gelingt es mir, gesellig zu sein.
Wenn ich beginne, die Menschen zu verstehen, wie sie leben und warum sie so leben, dann beginne ich sie gern zu haben.
Auf der Lauer.

21.08.10

Meine strahlende, frisch verliebte Mutter

20.08.10

Abends in der Wohnung herumtigern